Schallplatte mit Volker Rebell Beschriftung

2016 Kramladen-Sendungen in ByteFM:

am Donnerstag 29.12.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 31.12.16, 14-15 Uhr), Thema: 

Patti Smith - zum 70. Geburtstag

 „Jesus died for somebody's sins, but not mine", so lautet die berühmte erste Songzeile aus Patti Smiths Debütalbum „Horses" von 1975, mit dem ihre Karriere als Poetin des Punkrock begann. Man nannte sie „Schamanin im Land der tausend Träume" (Rolling Stone). Sie galt als eine Art exotische Zauberpriesterin, die wie in Trance Kontakt aufzunehmen versteht mit Göttern und Geistern des Olymp wie des Underground.

„Es ist nicht so leicht über nichts zu schreiben", so beginnt Seite 9 der deutschen Übersetzung ihres neuen hoch gelobten Buches „M Train" - was für „Mind Train" steht, für den Zug der Gedanken. Die zitierte Zeile entspringt dem Zwiegespräch eines Tagtraumes, in dem sie einem Cowboy begegnet, der die Hutkrempe seines Stetson über die Augenbrauen gezogen hat und zurückgelehnt auf einem Klappstuhl balanciert, und dem sie antwortet: „Vielleicht ist es leichter über nichts zu reden", worauf ihr imaginierter Gegenüber entgegnet, ohne auf sie einzugehen: „Aber wir machen weiter und hegen alle möglichen verrückten Hoffnungen. Auf ein Quäntchen Selbsterkenntnis, darauf, das Verlorene zu retten. Es ist eine Sucht, wie einarmige Banditen."

Patti Smith war eine radikale Poetin bevor sie begann, ihre Gedichte zu singen und mit ihrer ersten Single, die im Sommer 1974 erschien, als „Urmutter des Punk" gefeiert zu werden; eine Single, die 1989 in die Liste der „1001 Greatest Singles Ever Made" aufgenommen wurde, enthaltend: „Piss Factory", ihr erster eigener Song, dem ein wildes Gedicht über eine Kinderwagen-Fabrik zugrunde liegt, in der Patti Smith in jungen Jahren aus Geldnöten arbeiten musste, und auf der A-Seite eine Underground-Version des Song-Klassikers „Hey Joe". Mit wüster Saiten-Quälerei, ihrem begnadeten Dilettantismus an der E-Gitarre, hatte sie damit schon 1974 den Punk vorweggenommen.

Mit ihrer unkonventionell vertonten Beatnik-Poesie ebnete sie der alternativen Frauen-Power den Weg in die Hitparaden und auf die großen Bühnen. Mit ihren frühen Alben „Horses" (1975), „Radio Ethopia" (1976), „Easter" (1978) und „Wave" (1979) setzte sie Maßstäbe als singende Dichterin des Rock'n'Roll. Die Leidenschaft und Intuition, mit der sie im Studio und im Konzert damals zu Werke ging, schien ihren Tribut zu fordern. Patti Smith zog sich ins Privatleben zurück und meldete sich erst 1988 kurzzeitig mit einem neuen Album („Dream of Life") zurück, um anschließend dem Popbusiness wieder den Rücken zu kehren. Als ihre große Liebe, ihr Ehemann Fred „Sonic" Smith, ehemals Gitarrist der legendären Band MC5 und Vater ihrer beider Kinder Jackson und Jesse, im November 1994 unerwartet an einem Herzinfarkt starb, begann sie in kreativer Trauerarbeit an ihrem Comeback-Album „Gone Again" zu arbeiten, das 1996 erschien.

Nach den unterschiedlich bewerteten Folgealben, dem dunklen „Peace And Noise" (1997), dem politisch engagierten „Gung Ho" (2000) und der Werkschau-Doppel-CD „Land" (2002) kam mit „Trampin" 2004 wieder ein von der Kritik gefeiertes Patti Smith-Album auf den Markt. „Trampin" wurde unter anderem als eine Art musikalische Anti-Bush-Demonstration verstanden, ein künstlerisches Statement des „anderen, kritischen Amerika". Im Juni 2012 folgte ihr elftes und bis dato letztes Studioalbum „Banga", das allgemein positiv aufgenommen wurde.

Patti Smith ist Allround-Künstlerin, veröffentlicht neben ihren Platten auch Zeichnungen, Fotografien und Bücher, darunter ihre viel gerühmte Autobiographie „Just Kids" („Die Geschichte einer Freundschaft") von 2010 und - wie schon erwähnt - „M-Train", der zweite Teil ihrer autobiografischen Erzählungen - ein Buch „voller Sätze, die vor Schönheit funkeln. Wer das liest, wird sich in Patti Smith verknallen" (spiegel online).

Aktuell kam Patti Smith in die Schlagzeilen durch ihren Fauxpas bei der Feierlichkeit zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan am 10. Dezember in Stockholm, als sie bei ihrem Live-Vortrag des Dylan-Songs „A Hard Rain's A-Gonna Fall" textlich ins Stocken geriet und den Song unterbrechen musste. Später entschuldigte sie sich und erklärte ihren Aussetzer mit „der Fülle von Emotionen und einer so starken Intensität, dass ich ihrer nicht Herr werden konnte", wie Patti Smith in einem Essay für das Magazin „The New Yorker" schrieb.

Manche Kritiker quittierten den Songabbruch mit dem Vorwurf der Unprofessionalität, doch die meisten Beobachter empfanden ihre Nervosität, die zu ihrem Aussetzer führte, und vor allem ihre Reaktion darauf, als sympathisch und nur allzu menschlich.

Am 30. Dezember 2016, ihrem 70. Geburtstag, spielt Patti Smith live in Chicago - mit ihrer neuen Band und begleitet von ihren beiden Kindern - die Songs ihres Debütalbums „Horses". Und im April 2017 folgt eine Australien-Tournee. Auftritte in Europa - speziell auch in Deutschland - sind im Gespräch.

Der Kramladen würdigt Patti Smith zu ihrem 70. Geburtstag als unangepasste Poetin des Rock und als Autorin wunderbarer Bücher.

Als Ankündigung ihres Geburtstagskonzertes schrieb Patti Smith: „Und all die Dinge, die ich gesehen und erlebt und erinnert habe, werden in mir sein, und die Reue, die ich so schwer empfunden habe, wird sich fröhlich mischen mit all den anderen Momenten. 70 Jahre voller Momente, 70 Jahre menschlich Sein."

Info zur Playlist:  „Gloria", „Frederick", „Because The Night" - die großen Songs von Patti Smith gehören zum Popkulturerbe - und sind im Kramladen-Special zu ihrem 70. Geburtstag genauso zu hören wie weniger bekannte, aber wichtige Songs aus ihren 11 bislang veröffentlichten Studioalben.

Playlist: Artist /  Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Patti Smith / Gloria / Horses / Arista Records
3. Patti Smith / Banga / Banga / Columbia
4. Patti Smith / Amerigo / Banga / Columbia
5. Patti Smith and her Band (live) / Holy, Dancing Barefoot / Lincoln Center, NYC, 20. Juli 2016 / download
6. Patti Smith / Dancing Barefoot / Wave / Arista Records
7. Patti Smith / Cash / Trampin / Columbia
8. Patti Smith / Beneath The Southern Cross / Gone Again / Arista Records
9. Patti Smith Group / Frederick / Wave / Arista Records
10. Patti Smith / Ain't It Strange / Radio Ethiopia / Arista Records
11. Patti Smith Group / Because The Night / Easter / Arista Records

 

 

am Donnerstag 15.12.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 17.12.16, 14-15 Uhr), Thema:

Singer/Songwriter und singender Literat. Warum Bob Dylan den Literaturnobelpreis verdient hat.

 „Meine Damen und Herren, der Nobelpreis ist für mich eine außergewöhnliche Sache. Der Mann, der Sprengstoff erfunden hat, ehrt damit den Mann, der den Rock n' Roll erfunden hat. Deswegen würde ich normalerweise auch selbst kommen, aber ich will nicht." So beginnt Dylans Dankesrede zur Verleihung des Literaturnobelpreises, allerdings in der Ulkversion, die sich ein Satiriker von Deutschlandradio Kultur ausgedacht hat. Tatsächlich schrieb Dylan in seiner Dankesrede, die bei der Zeremonie von der US-Botschafterin in Stockholm verlesen wurde: „Es tut mir leid, dass ich nicht persönlich bei euch sein kann, aber bitte wisst, dass ich auf jeden Fall im Geiste bei euch bin und mich geehrt fühle, so einen prestigeträchtigen Preis zu bekommen. ... Wenn mir jemals jemand gesagt hätte, dass ich auch nur die geringste Chance hätte, den Nobelpreis zu gewinnen, hätte ich gedacht, dass die Wahrscheinlichkeit etwa so groß wäre wie die, auf dem Mond zu stehen." Das klingt auch irgendwie nach Satire - und der Joke des Radiomannes wirkt da ehrlicher, normalerweise sollte er eigentlich kommen, aber er will halt nicht. Basta. Dylans Filmbiografie aus dem Jahre 2007 trägt den Titel „I'm Not There". Sieben verschiedene Schauspieler verkörpern im Film den Mensch und Künstler Bob Dylan. Wie der Filmtitel es schon ausdrückt: er selbst spielt nicht mit. So wie in Stockholm am 10.12. bei der Verleihung des Literaturnobelpreises an ihn. Die Dankesrede ließ er bei der Zeremonie verlesen und statt seiner sang Patti Smith seinen berühmten Song „A Hard Rain's Gonna Fall" - und kam dabei ins Stocken. Mitten im Lied versagte ihre Stimme. Irgendwie passend.

In der zweiten Kramladenstunde zur Fragestellung, ob Dylan den Literaturnobelpreis für seine Songlyrik verdient hat, wird das Gespräch mit dem Dylan-Kenner und früheren Liedersänger und Dylan-Übersetzer/Interpret Michael de la Fontaine fortgesetzt.

Dylans verulkte Nobelpreisrede endet mit den obligaten Danksagungen: „Danken möchte ich auch meinen Fans. Ich habe mal eine Platte mit Frank Sinatra Sachen gemacht. Mit meiner Stimme. Selbst die haben meine Fans gekauft. Dafür müssten sie eigentlich auch einen Preis bekommen."

Playlist: Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Bob Dylan /  Trying To Get To Heaven / Time Out Of Mind / Columbia, Sony
3. Patti Smith / A Hard Rain's A-Gonna Fall / Nobelpreisverleihung, Zeremonie, Stockholm 10.12.16 / download
4. Bob Dylan, Edie Brickell, Joan Baez, Grateful Dead, The Staple Singers, Bryan Ferry / A Hard Rain's A-Gonna Fall (Montage) / diverse / diverse
5. Christopher & Michael / Kommt her all ihr Leute / Eine Dokumentation / RillenWerke
6. Christopher & Michael / Denk nicht dran / Eine Dokumentation / RillenWerke
7. Bob Dylan / Most Likely You Go Your Way (And I'll Go Mine) [Mark Ronson Remix] / Dylan / Columbia, Sony, BMG
8. Bob Dylan / Lay Lady Lay / Dream Dylan Live Concert / Columbia, Sony, BMG
9. Bob Dylan / Just Like A Woman / Blonde On Blonde / Columbia
10. Niedecken / Vill passiert sickher / Leopardefell / Electrola
11. Bob Dylan / Po' Boy / Love And Theft / Columbia, Sony
12. The Byrds / Chimes Of Freedom / The Very Best Of / Columbia

 

am Donnerstag 01.12.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 03.12.16, 14-15 Uhr), Thema:

Sänger/Songschreiber oder singender Literat? - Hat Bob Dylan den Literaturnobelpreis verdient?

 Am 10. Dezember wird in Stockholm der Nobelpreis für Literatur an einen Künstler verliehen, der durch Abwesenheit glänzen wird. „Andere Verpflichtungen", so ließ er verlauten, würden ihm seine persönliche Anwesenheit während der Zeremonie leider unmöglich machen. Für Irritation hatte zuvor schon gesorgt, dass Dylan zwei Wochen lang nicht auf die Ankündigung der Verleihung reagierte. Er war für das Nobelpreis-Komitee telefonisch nicht erreichbar und ließ alle Welt im Unklaren, ob er den Preis überhaupt annehmen werde. Dies ist inzwischen gesichert. Ungewiss blieb allerdings, wann er die Bedingung für die Zuerkennung des Preises erfüllt, eine Rede vor der Schwedischen Akademie in Stockholm innerhalb von sechs Monaten nach der offiziellen Verleihung zu halten. Nun heißt es, Dylan plane, im Frühjahr 2017 einige Konzerte in Schweden zu geben. Bei dieser Gelegenheit könne Dylan seine Nobel-Vorlesung halten und den Preis dann persönlich entgegen nehmen.  

Als publik wurde, dass Dylan den Literaturnobelpreis 2016 erhält, begann sofort eine heftige Diskussion, ob diese höchste Ehrung in der Literatur für die Liedtexte des singenden Poeten und für die beiden von ihm geschriebenen Bücher überhaupt angemessen sei. Von Seiten der Songwriter-Kollegen aus Pop und Rock kam sofort eindeutige bis geradezu jubelnde Zustimmung, doch aus dem Lager des klassischen Literaturbetriebs überwogen die kritischen Bedenken und Ablehnungen.

Der Literaturkritiker Denis Scheck ließ sich mit dem Kommentar zitieren: „Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein ‚Späßken‘. Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz, wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit."

Der britische Schriftsteller Irvine Welsh, Autor des Popromans „Trainspotting" sagte: „Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies."

Die österreichische Publizistin und Literaturkritikerin Sigrid Löffler äußerte sich wie folgt: „Selbstverständlich sind Liedtexte, gerade die von Bob Dylan, natürlich wunderbar. Nur: Diese Texte sind keine eigenständige Lyrik, denn sie funktionieren nur, wenn sie gesungen sind."

Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2010, sagte in einem Interview: „Bob Dylan ist ein großer Sänger, aber er ist kein Schriftsteller. Ich mag seine Musik sehr, aber es gibt viele, viele Schriftsteller, die besser für diese Auszeichnung qualifiziert gewesen wären."

Und die FAZ schrieb: „Wenn überhaupt, dann hätte Bob Dylan den Nobelpreis für Popmusik verdient."

Einige Fragen um His Bobness, von der literarischen Qualität seiner Songtexte, über seine Eigenart, seine Songs in Konzerten immer wieder in veränderter Form zu präsentieren, bis zu den Anwürfen, dass Dylan Werbung für Damenunterwäsche und US-Autofirmen macht und sich von den Zensurbehörden in China und Vietnam vorschreiben lässt, welche seiner Songs er in dortigen Konzerten singen, bzw. nicht singen darf, werden im Kramladen am 01. und 15. Dezember erörtert. Gesprächspartner ist der promovierte Musikwissenschaftler, Dylan-Kenner, Liedermacher der ersten Stunde und langjährige Goethe-Instituts-Mitarbeiter Michael de la Fontaine. Gemeinsam mit seinem Duo-Partner Christopher Sommerkorn im Liedersänger-Duo „Christopher & Michael" war er 1965 der erste deutsche Musiker, der Texte von Bob Dylan ins Deutsche übersetzte und öffentlich sang. Zusammen mit Joan Baez sangen Christopher & Michael bei der Ostermarsch-Kundgebung 1966 vor dem Frankfurter Römer Dylans Hymne „The Times They Are A-Changing".

Dylans poetische Sprache, seine Metaphern und Assoziationsketten waren damals in den frühen 60er Jahren noch völlig neu und ungewohnt in der Popmusik. Über die Schwierigkeit, diese komplexen Texte ins Deutsche zu übertragen und auf Deutsch singbar zu machen, welchen Einfluss Dylan auf die entstehende Liedermacherszene in Deutschland hatte, wie Dylans Bedeutung für die Popkultur einzuschätzen ist, usw. - darüber wird Michael de la Fontaine als Zeitzeuge von damals und als Dylan-Experte aus heutiger Sicht Auskunft geben.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Bob Dylan / Mississippi / Love And Theft / Columbia
3. Sheryl Crow / Mississippi / The Globe Sessions / A&M Records
4. Bob Dylan / Thunder On The Mountain / Modern Times / Columbia, Sony, BMG
5. Bob Dylan / All Along The Watchtower / The Ultimate Collection / Columbia, Sony
6. Jimi Hendrix / All Along The Watchtower / Jimi Hendrix Best of / Polydor
7. Bob Dylan / The Ballad Of Frankie Lee And Judas Priest / John Wesley Harding / CBS
8. Bob Dylan / The Times They Are A-Changin' / The Times They Are A-Changin' / Columbia
9. Bob Dylan / Subterranean Homesick Blues / Bringing It All Back Home / Columbia
10. Bob Dylan / You Ain't Going Nowhere / The Basement Tapes / Columbia
11. Christopher & Michael / Kommt her all ihr Leute / Folklore Konzert / CBS
12. Bob Dylan / Going, Going, Gone / Planet Waves / Asylum Records

 

am Donnerstag 17.11.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 19.11.16, 14-15 Uhr), Thema:

Eine seelentiefe Stimme ist verstummt - zum Tode von Leonard Cohen

„Ich verlasse den Tisch, ich bin raus aus dem Spiel", singt der große Songschreiber prophetisch in seinem Song „Leaving The Table" aus seinem letzten Album „You Want It Darker", das am 21. Oktober 2016 erschien und nun als sein musikalisches Testament gelten kann. In seinem letzten Interview, das er dem Magazin „The New Yorker" vor wenigen Wochen gab, sagte er, er sei bereit zu sterben und hoffe nur, es werde nicht zu unangenehm. Im Verlauf des Interviews reflektierte er über seinen künstlerischen Status Quo und berichtete über seinen angeschlagenen Gesundheitszustand: er habe erst im Alter die Freiheit gefunden, sich voll auf seine Poesie zu konzentrieren. Es gäbe nun keine Verpflichtungen mehr, die ihn ablenken könnten. Doch er habe Schmerzen, sei müde, müsse sich oft zwingen, überhaupt etwas zu essen, um nicht allzu bereitwillig zu kooperieren mit dem Tod, der nach ihm greife. Er arbeite weiter an neuen Liedern, doch glaube selbst nicht mehr daran, sie noch fertig stellen zu können. Diese Selbsteinschätzung hat sich nun tragischerweise recht schnell bewahrheitet. Leonard Cohen starb am 07. November im Alter von 82 Jahren - an den Folgen eines Sturzes in seinem Haus, wie Cohens Manager mitteilte.

Im Song „Steer Your Way" (Halte deinen Kurs) aus dem neuen Album singt er von einem Schmerz, der kaum zu ertragen ist und beschwört geradezu flehend: „And please don't make me go there / Tho' there be a god or not", was so viel heißen kann wie: bitte erlöse mich von diesen Schmerzen, ob es nun einen Gott gibt oder nicht. Im Titelsong des Albums, einer Art atheistischem und gleichzeitig gottsuchendem Gebet, erklärt er sich bereit zu sterben. Begleitet von einem Gospelchor klingt seine dunkle Stimme wie fast aus dem Jenseits: „I'm ready, my Lord".

Der Rezensent Wolfgang Luef schrieb über das Vermachtnis-Album „You want It Darker" und benannte ein Kontinuum in Cohens Kunst: „Seine Texte handeln von Vergänglichkeit, Trauer und Tod. Wenn er Liebeslieder singt, beschwört er stets das Verflossene. Wenn er Sehnsüchte beschreibt, dann unerfüllte. Und wenn er vom Leben erzählt, dann immer auch von dessen Endlichkeit." Neben dunklen Schatten weisen die neuen Song-Gedichte auch leichte, fast tröstliche Momente auf. Aus den Songs des neuen Albums kann man einen inhaltlichen roten Faden heraushören: Abschied nehmen und Dankbarkeit für ein erfülltes, ausgekostetes Leben.

Die Kramladen-Hommage zum Tode von Leonard Cohen konzentriert sich vornehmlich auf die tief beeindruckenden Songs des Abschieds-Albums „You Want It Darker".

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Leonard Cohen / Steer Your Way / You Want It Darker / Columbia, Sony Music
3. Leonard Cohen / You Want It Darker / You Want It Darker / Columbia, Sony Music
4. Leonard Cohen / Anthem / The Future / Sony, Columbia
5. Leonard Cohen / On The Level / You Want It Darker / Columbia, Sony Music
6. Leonard Cohen / If I Didn't Have Your Love / You Want It Darker / Columbia, Sony Music
7. Leonard Cohen / One Of Us Cannot Be Wrong / Songs Of Leonard Cohen / Sony, Columbia
8. Leonard Cohen / Traveling Light / You Want It Darker / Columbia, Sony Music
9. Leonard Cohen / Democrazy / The Future / Sony, Columbia
10. Leonard Cohen / Leaving The Table / You Want It Darker / Columbia, Sony Music
11. Leonard Cohen / Treaty / You Want It Darker / Columbia, Sony Music

 

 

am Donnerstag 03.11.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung 05.11.16, 14-15 Uhr), Thema:

 „Prankster Bride" - neue Songs und Klangbilder von DePhazz

 „Stil ist eine rare Lebensqualität", so heißt es. Die Band, um die es in dieser Kramladen-Ausgabe geht, hat wahrlich Stil, eine Art von „ungebügelter Eleganz", schrieb ein Kritiker - und dennoch lässt sich zu dieser Musik gepflegt Bügeln. Im Kramladen zu Gast ist Pit Baumgartner, Produzent, Klangmaler und spiritus rector der deutschen Gruppe DePhazz, eine lose Formation, der das seltene Kunststück gelingt, dass man ihre Musik sowohl als atmosphärischen Hintergrund, sprich: Klangtapete verwenden, genauso gut aber auch als anregendes, intensives und Impulse vermittelndes Musik-Mosaik hören kann, und daraus  spannungsvollen Genuss zu beziehen vermag. Das offene Band-Projekt De-Phazz, von Pit Baumgartner 1997 in Heidelberg ins Leben gerufen, avancierte Anfang der 2000er Jahre zum Insider-Liebling der coolen und hippen Lounge-Jazz-Szene. Doch nach inzwischen zehn, zum Teil recht erfolgreichen Alben, „verschwand die vormals so geliebte Lounge-Fee barfuß tänzelnd über den Asphalt", wie ein Kritiker schrieb. Die „Rhythmen sind robuster geworden, das Designerhemd ist durchgeschwitzt", die Couch in der Lounge ähnelt nunmehr einem mobilen Multifunktionsmöbel, das in fast jedem Stilambiente eine gute Figur macht; sei es der Dub&Discoclub, die futuristische Jazzbar, die Latin-Dancehall, das experimentierfreudige Sound-Labor oder das soul-geschwängerte, Neo-chansonhafte, kunterbunte Tontheater.

Das neue Album „Prankster Bride" von DePhazz - mit dem offiziellen Erscheinungsdatum 4. November 2016 - wird in dieser Kramladen-Ausgabe ausführlich vorgestellt und kommentiert, ergänzt durch einen zweiten Teil, der demnächst zu hören sein wird. Die variationsreiche Dephazz-Musik und das Gespräch mit Pit Baumgartner ist dafür ergiebig genug. Im Pressematerial aus dem DePhazz-Fundus findet sich ein schönes Zitat, das den Charakter der DePhazz-Musik mit Sprachbildern illustriert: DePhazz-Musik provoziere - so heißt es da - „unvorhersehbare Begegnungen bei zwielichter Beleuchtung: Körperkontakt, Reibung; ein steigender Energiepegel - kritische Masse darf sich entfalten. Kleine Irritationen werden dabei billigend in Kauf genommen: schlammiger Delta-Funk, gegen den Strich gebürstete Garagenchansons, mit lässigem Schwung hingeworfene Klangstudien." Gleich vier verschiedene Sängerinnen sind am neuen Album beteiligt, darunter, mit den meisten Vokalauftritten, die langjährige DePhazz-Frontfrau Pat Appleton, die mit ihrer jazzigen Soul-Stimme den gesanglichen Ton angibt. Mit zwei Neo-Chansons beteiligt ist auch die Sängerin Barbara Lahr, die auch schon an früheren DePhazz-Alben als Sängerin und Songschreiberin mitwirkte, aber auch mit Klaus Doldingers Passport und anderen zusammengearbeitet hat. Instrumentale Gastauftritte steuern die Gitarristen Adax Dörsam (Xavier Naidoo) und Ralf Oehmichen (Popforscher) bei, daneben der Trompeter Joo Kraus (Tab Two, Jazzkantine) und der Kraan-Schlagzeuger Jan Friede. Die stilistischen Überschneidungen und Ähnlichkeiten zwischen DePhazz und der musikalisch ähnlich orientierten Band Hattler hat auch mit der Besetzungsliste des Albums zu tun. Neben den bereits genannten Musikern aus dem Hattler/Kraan-Umfeld Joo Kraus und Jan Friede gehört auch der Hattler-Drummer Oli Rubow zum aktuellen Line-up von DePhazz. Doch „Prankster Bride" ist zweifellos eigenständig und unverwechselbar: ein klangfarbig vielgestaltiges Album, das nicht nur Stil hat, sondern viele verschiedene Stile vereint.

Playlist: Artist / Track / Album /  Label / Zeitplan
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records / 00:39
2. DePhazz / Hangover Deluxe / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 03:49
3. DePhazz / Fireball / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 05:27
4. DePhazz / Prankster Bride / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 15:14
5. DePhazz / Used Reprise / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 19:50
6. DePhazz / Freaky / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 26:32
7. DePhazz / Apple & Egg / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 32:57
8. DePhazz / Invisible To Myself / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 39:12
9. DePhazz / Fear Is My Business / Lala 2.0 / Phazzadelic, Alive / 44:58
10. DePhazz / Down Waterloo / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 48:42
11. DePhazz / I Sing / Prankster Bride / Phazzadelic, Alive / 54:20
12. DePhazz / I Sing (Remix) / DePhazz Archiv / download / 58:52

 

am Donnerstag 20.10.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung 22.10.16) Thema:

Hail! Hail! Rock'n'Roll - Chuck Berry, zum 90. Geburtstag

„Just let me hear some of that Rock and Roll Music" - diese berühmte Eröffnungszeile des Chuck Berry-Klassikers „Rock And Roll Music" aus dem Jahre 1957 infizierte Heerscharen von Musikern, die ihm nacheiferten und seine Songs nachspielten. Über 5000 Coverversionen von Chuck Berry-Songs soll es geben. Die Liste der Chuck Berry-Interpreten liest sich wie ein Who's Who der Rockgeschichte: Elvis Presley, Beatles, Rolling Stones, Beach Boys, Kinks, Jimi Hendrix, Bruce Springsteen, Eric Clapton, AC/DC, Motörhead, Status Quo usw..

Elvis mag die Ikone des Rock'n'Roll sein, doch Chuck Berry ist der musikalische Kopf. Kaum ein anderer hat die Stilistik und das Songbook des Rock'n'Roll so sehr geprägt wie er. Seine charakteristischen Gitarren-Licks und Riffs, seine pfiffigen und prägnanten Melodien und seine cleveren Texte zwischen Straßenjargon und Rock-Poesie gehören zur Essenz der Rockmusik. Als Rock-Entertainer mit seinem witzigen Duck-Walk und seiner lässigen Schnoddrigkeit versetzte er seine Fans in Rage.

Es gab auch etliche negative Schlagzeilen in seinem Leben. Schon in jungen Jahren kam er mit dem Gesetz in Konflikt, was ihm wegen verschiedener Delikte einige Monate Jugendhaft einbrachte. 1961 wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil sein „Sweet Little Sixteen" offenbar nur 14 Jahre alt war. Später wurde er mit steuerlichen, aber auch mit moralisch-sexuellen Vergehen in Verbindung gebracht. Chuck Berry nahm in seiner Autobiografie von 1987 zu den Anklagen Stellung und gab dabei zu bedenken, dass es nicht nur in der US-amerikanischen Polizei, sondern auch in der Justiz viele Rassisten gab und gibt. Seiner Karriere und seiner Reputation als Altmeister des Rock'n'Roll konnten die negativen Schlagzeilen auf Dauer aber nicht schaden. Im Jahre 1985 erhielt er einen Grammy für sein Lebenswerk und wurde in die <Rock'n'Roll Hall of Fame> aufgenommen.

Der schwarze King des Rock'n'Roll ist noch immer live aktiv, hat aber seine große Gabe, prägnante, pointierte Rock'n"Roll-Songs zu schreiben, schon 1979 aufgegeben. Seitdem ist kein Album mit neuem Songmaterial von ihm erschienen. Und seitdem spielt er in seinen meist kurzen Shows wie eine lebende Musicbox ein Best-of-Programm seiner großen alten Hits. An einige seiner unsterblichen Songklassiker will der Kramladen, neben diversen großartigen Coverversionen, in einer Hommage zum 90. Geburtstag von Chuck Berry erinnern.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Chuck Berry, Keith Richards, Eric Clapton / School Days, Hail! Hail! Rock'n'Roll / Hail! Hail! Rock'n'Roll / MCA
3. Chuck Berry / Too Much Monkey Business / After School Session / Chess
4. The Beatles / Too Much Monkey Business / Live at the BBC / Apple
5. Chuck Berry / Come On / Single „Come On" / Chess
6. Rolling Stones / Come On / Gold Collection - 20 Golden Hits / Virgin
7. Chuck Berry / Sweet Little Sixteen / One Dozen Berrys / Chess
8. The Beach Boys / Surfin' USA / 20 Golden Greats / Capitol
9. Chuck Berry / C'est La Vie 60 / Great Songs of the 60's / The Goodman Group
10. Bruce Springsteen / You Never Can Tell / Wrecking Ball-Tour live / download
11. Chuck Berry / Memphis Tennesse / Live At The BBC / download
12. Chuck Berry / No Particular Place To Go / St. Louis To Liverpool / Chess
13. The Beatles / Rock And Roll Music / Beatles For Sale / EMI
14. Chuck Berry, Keith Richards, Julian Lennon / Johnny B. Goode / Hail! Hail! Rock'n'Roll / MCA
15. Chuck Berry / Johnny B. Goode / Live in Moskau 2014 / download
16. Paul McCartney /  Brown Eyed Handsome Man / Run Devil Run / EMI

 

am Donnerstag 06.10.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 08.10.16), Thema:

„Warhol Holidays" - Hellmut Hattler im Gespräch: über das neue Album und die laufende Tour mit seiner Band HATTLER

Bassisten, die Songschreiber und Bandleader sind, gibt es im Pop nicht all zu viele. Neben den britischen Weltstars Paul McCartney und Sting macht - neben anderen - seit vielen Jahren auch der deutsche Hellmut Hattler immer wieder mit profunder, innovativer Musik auf sich aufmerksam. Mit seiner Band HATTLER hat er seit 15 Jahren auf der Landkarte des Pop eine wenig erforschte Nische besetzt und erkennbar eigenwillige Spuren hinterlassen - im Grenzland zwischen Lounge, Soul, Jazz, Elektronik und Pop, mit eigenem Sound und einem individuellen, jederzeit wieder erkennbaren Kompositionsstil.
Als Bassist ist Hattlers profundes Können seit den frühen 70er Jahren und etlichen herausragenden Alben und Konzerten seiner melodiebetonten Jazzrockband KRAAN anerkannt. Seine Qualitäten als Songschreiber, die sich auch in den Hipjazz-Produktionen seines Duos Tab Two entwickelten, werden daneben oft vergessen. Tatsächlich hat er ein besonderes Talent für wohlgeformte, ästhetisch schöne, aber kitschfreie Melodien, für intelligente harmonische Strukturen mit ebenso melancholischer wie reibungsvoller Ausstrahlung; und als begnadet groovender Rhythmiker ist er sowieso eine Klasse für sich.
Und wer seine Songtexte nachliest, wird feststellen, dass er auch mit Sprache (meist der englischen) gut umzugehen versteht, einen Sinn für Metaphern und für Ironie hat und - vor allem - mit seinen Texten auch wirklich etwas zu sagen hat. Von der narzisstischen Selbstoptimierungswelle der Selfie-Generation und ihrem wachsenden Konkurrenzverhalten handelt der Text seines neuen Songs „Dot Competition". Über die Datensammelwut und Ausspionierung der Privatsphäre durch unkontrollierte Geheimdienste lässt er sich aus im Song „Spy"; und Themen wie Beziehungskrisen, Kunst/Kommerz und das Ende der Rebellion in der Popkultur vermengen und überlagern sich im Titelstück „Warhol Holiday". In den fünf Instrumentalstücken des Albums experimentiert die Band HATTLER mit Jam & Jazzrock-Updates („Kraal Jam"), romantischen Klanglandschaften („Sand Am Meer") oder ironischen Brechungen von Ethno-Motiven wie im Titel „Parallelgesellschaftstanzmusik". All das geschieht auf handwerklich hohem Niveau und in kunstvoller Machart, ist dabei mitreißend groovend und emotional bewegend - und bei aller „Sophistication" niemals verkopft anstrengend, sondern gut hörbar und gleichzeitig herausfordernd und anregend.
Mit dem hervorragenden Songprogramm des neuen hörenswerten Albums „Warhol Holiday" ist die Band HATTLER derzeit auf Tour. Im ausführlichen Kramladen-Gespräch erläutert Hellmut Hattler seine Musik und seine Sicht der Dinge und beweist mal wieder, dass er nicht nur als Songschreiber eine Menge Wichtiges zu sagen hat.

Playlist:  Artist Track Album Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Hattler / Bikinian Rhapsody / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
3. Hattler / The Kite / Live Cuts II / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
4. Hattler / Parallelgesellschaftstanzmusik / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
5. Hattler / Warhol Holidays (Reprise) / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
6. Hattler / Warhol Holidays / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
7. Hattler / Spell E.Z. / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
8. Hattler / Mint / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
9. Hattler / Spy / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence
10. Hattler / Kraal Jam / Warhol Holidays / Bassball Recordings, 36 Music, Brokensilence

am Donnerstag 22.09.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 24.09.16, 14-15 Uhr), Thema:

Obacht: The Knebells kommen!

Er gehört zu den Stars der deutschen Comedy-Szene: Gerd Knebel, die eine Hälfte des hessischen Comedy-Duos Badesalz. Weil Henni Nachtsheim und Gerd Knebel mit ihren Badesalz-Programmen offenbar nicht ausgelastet sind, haben die beiden ihr eigenes Label, Frau Batz Records, gegründet, um ihre unterschiedlichen Neben-Projekte in Eigenregie voranbringen zu können. Das erste Album von Frau Batz Records ist Gerd Knebels neues Musikprojekt The Knebells. Was bisher geschah in Gerd Knebels Karriere als Musiker mit einer Neigung zu den härteren Spielarten des Rock, liest sich discografisch/biografisch imposant wie folgt: Flatsch!, Rodgau Monotones (allerdings nur kurzzeitiger Gastsänger), Die Groben Junggesellen, Angst vor Clowns, Die Netten Rabenväter, Giftdwarf und jetzt eben: The Knebells - eine ebenso fiktive wie reale Band.

Im durch den Brexit inzwischen fast fernen England tummeln sich etliche Knebels, nach dorten ausgewanderte Schwippschwäger und Großonkels, jedenfalls um etliche Ecken verwandte Angehörige der Großfamilie Knebel aus dem hessischen Rodgau, deren prominentestes Mitglied eben jener Gerd „der Badesalzvertreter" Knebel ist. Auf dem Cover des Albums prangt ein Fünfzigerjahre-Schwarzweiß-Foto, auf dem man die Urformation von The Knebells bewundern kann: den kleinen, Rumba-Rassel-schwingenden Dreikäsehoch Gerd, umgeben von seiner Gitarre-spielenden Oma, seinem Akkordeon-spielenden Onkel und seiner Tante an der Westerngitarre. Die beiden letzteren zog es vom hessischen Rodgau ins musikalisch aufregendere England, wo sie sich in der Grafschaft Kent als Barmusiker und Hochzeitsmusikanten verdingten und außerdem musikbegeisterte Nachfahren in die Welt setzten - zu denen Gerd „the Badesalz-Betreiber" Knebel noch immer Kontakt hält. Dies also ist der englische Einfluss und der imaginäre britische Band-Anteil von The Knebells.

Die reale Band besteht aus dem Sänger, Gitarristen, Texter und Songschreiber Gerd „the Badesalz-Verbreiter" Knebel und seinem Kompagnon, dem Multiinstrumentalisten und Tontechniker Niklas Kleber. Gemeinsam haben sie alles selbst gemacht, jedes Instrument ihrer Band The Knebells teilten die beiden Macher unter sich auf. Heraus kamen 12 kernige Rocksongs mit einer Gesamtlaufzeit von prallen 72 Minuten, darunter Songs wie „Rockstar", „Landmädchen", „Du bist blöd", „Dicke Mütter", „Was ist los mit Dir?", „Kopfschuss" etc.. Und auch drei englischsprachige Songs sind dabei, wie z.B. „Its good for stand up comedy". Die englisch getexteten Songs sind natürlich Widmungen für den britischen Zweig der Knebels (s.o.).

Frage: Kann man das neue Songprogramm von The Knebells als satirische Rockmusik titulieren? Von dieser Einordnung hält Gerd „the lass doch jetztmal diese albernen Badesalz-Anspielungen" Knebel im Interview nicht sehr viel. Wovon er etwas hält, das ist im ausführlichen Interview in dieser Kramladenstunde zu hören. Vorab nur dies, was Frau Batz Records über The Knebells verlauten ließ: „Wichtig ist immer das Rollenspiel, sind Perspektivwechsel, umgedrehte Denkweisen. Auch wenn sie Missverständnisse heraufbeschwören sollten. Provozieren gehört zum Handwerk. Nur keine Eindeutigkeiten. Lustig allein ist langweilig. Böse sein gehört zur Persönlichkeit des Sängers und Gitarristen. Dr. Jekyll muss seinen Mr. Hyde nicht verstecken."

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
0. Badesalz / Meinungsfreiheit / ASO-TV / download
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. The Knebells / Winterlied / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo
3. The Knebells / Gerard / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo
4. Flatsch / Wer schützt die Kondome / Gib Flatsch eine Chance / Ciao
5. The Knebells / Rockstar / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo
6. The Knebells / Landmädchen / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo
7. The Knebells / Du bist blöd / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo
8. Phil Fill feat. Niklas Kleber / Words Become Useless / Words Become Useless / Wilhelm Records
9. The Knebells / Dicke Mütter / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo
10. Monthy Python / Idiot Song / Monty Python Live at Drury Lane / EMI
11. The Knebells / Dieses Bild / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo
12. The Knebells / Kopfschuss oder Lied / The Knebells / Frau Batz Records, Indigo

 

am Donnerstag 08.09.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 10.09.16, 14-15 Uhr), Thema:

Musik aus dem Füllhorn: neuer Artrock von Circa: et cetera

Der Artrock hatte seine Hochblüte von 1969 bis 1974 mit großartigen LP-Produktionen, oft als Konzeptalben angelegt, von Bands wie King Crimson, Yes, Gentle Giant, ELP, Genesis u.a.. Auch wenn der Artrock von der danach einsetzenden Punk- und New Wave-Bewegung als künstlich, abgehoben und verkopft abgelehnt und verdammt wurde und als Folge seine Popularität einbüßte, konnte sich der erneuerte Artrock als eigenständige Stilrichtung behaupten und allmählich aus dem Nischendasein wieder in eine breitere Akzeptanz zurückkehren. Heute ist der New Artrock eine Konstante im breiten Spektrum der aktuellen Rockstilarten.

Eine besondere Stellung im aktuellen New Artrock nimmt neben dem englischen Über-Musiker Steven Wilson der US-amerikanische Multiinstrumentalist Billy Sherwood ein, der seit 1990 mit dem Yes-Bassisten Chris Squire zusammengearbeitet hatte und nach dessen Tod im Juni 2015 die vakante Stelle des Bass-Spielers bei Yes übernahm. 2006 gründete Billy Sherwood gemeinsam mit dem ehemaligen Yes-Keyboarder Tony Kaye und dem Yes-Drummer Alan White die Gruppe Circa:, die zunächst mit den ersten Alben eine recht populäre und melodische, songorientierte Artrock-Variante bevorzugte, doch mit dem jüngsten Album „Valley Of The Windmill" zu den „klassischen" Stilprinzipien der frühen Artrock-Ära zurückkehrte: komplexe, ideenreiche Kompositionen mit häufigen Themen- und Tempiwechseln, kunstvollen Arrangements und vertrackten Chorsätzen - und das alles im Langformat mit bis zu 18 Minuten Länge.

Neben Ausschnitten aus dem musikalisch überbordenden Album „Valley Of The Windmill" von Circa: werden in dieser Kramladenausgabe auch neue Songs stilistisch vergleichbarer Bands zu hören sein, so etwa von Big Big Train, Bent Knee und Atlantropa.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Steven Wilson / First Regret - 3 Years Older / Hand. Cannot. Erase. / Kscope
3. Circa: / Valley Of The Windmill / Valley Of The Windmill / Frontiers Records
4. Big Big Train / Folklore / Folklore / English Electric
5. Bent Knee / Leak Water / Say So / Cuneiform, Broken Silence
6. Circa: / Silent Revolve / Valley Of The Windmill / Frontiers Records
7. Billy Sherwood / Man And The Machine / Citizen / Frontiers Records
8. Atlantropa Project / The Great Maker / Atlantropa / The World Music Café

 

am Donnerstag 25.08.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 27.08.16, 14-15 Uhr), Thema:

Spottlieder, Schangsongs und satirische Stories 

Hans Scheibners Comeback zum 80. Geburtstag, mit CD, Hörbuch, Buch und Tournee

Vor rund 60 Jahren sammelte er erste Bühnenerfahrungen im „Theater 53" in der Hamburger Rothenbaumchaussee. Vor gut 50 Jahren begann er, sich einen Namen zu machen als Kabarettist, Liedermacher und Lästerlyriker mit satirischen Gedichten. Von 1979 bis 1985 wurde er einem großen Fernsehpublikum bekannt mit seiner eigenen Satire-Sendung „Scheibnerweise". Jetzt wird Hans Scheibner 80, ist ungebrochen kreativ und feiert seinen Geburtstag mit einer neuen CD, mit seiner Autobiografie „In den Himmel will ich nicht", erschienen als Buch und Hörbuch und mit einer großen Tournee. Von ihm sind bislang 17 Tonträger erschienen und 32 Bücher, er schrieb eine große Zahl an Beiträgen und Sendungen für Funk und Fernsehen, darunter 25 Folgen seines „Satirischen Nachschlags", die 1992 und 93 jeweils nach den Tagesthemen in der ARD zu sehen waren. Er verfasste Kolumnen für Tageszeitungen und schrieb mehrere Theaterstücke und tourte immer wieder mit neuen Kabarett-Programmen. In den vielen Jahren seiner kreativen Arbeit als ironischer Spötter und scharfzüngiger Satiriker sorgte er immer wieder mal für Skandale oder setzte sich bewusst in die Nesseln. So schrieb er 1976 für den SPIEGEL einen bösen Artikel über die deutschsprachige Liedermacherszene und lästerte über die larmoyanten Weltverbessererlieder von Klaus Hoffmann, Hermann van Veen oder André Heller und verspottete linke Liedermacher wie Hannes Wader, den er „Hannes Wacker", den Sänger der Arbeiterlieder nannte. Überschrift der Schmähschrift: „Das wiegt nur einen Vogelschiss" - womit er sich die Sympathien der kritischen Liedermacherszene verscherzte. Angeblich soll er sich damit auch die geplante Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises verscherzt haben.

Seine Fernsehsendung „scheibnerweise" wurde 1985 abgesetzt, weil er das Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder" in einem satirischen Beitrag zum 30-jährigen Jubiläum der Bundeswehr in abgewandelter Weise vortrug. In seiner ARD-Sendung „Satirischer Nachschlag" kam es 1993 zum Eklat wegen eines provozierenden Beitrags zum Abtreibungsparagraphen 218. Der damalige sächsische Innenminister verlangte ein lebenslanges Fernseh-Sendeverbot für Hans Scheibner.

Seine bekanntesten Lieder, deren Titelüberschriften sogar in die Alltagssprache übergingen, lauten: „Das macht doch nichts, das merkt doch keiner" und „Schmidtchen Schleicher". Andere bekannt gewordene Titelzeilen und Überschriften von ihm lauten: „Wohin mit Oma?", „Alles so schön beknackt hier", „Bevor ich abkratz, lach ich mich tot", „Spott ist allmächtig" u.a. Von ihm stammt übrigens auch der bekannte Werbespruch „Ich bin zwei Öltanks", denn in jungen Jahren war er mal Werbetexter.

Sein neues Liederalbum, das erste nach 10 Jahren, trägt den Titel „Und plötzlich ist der Himmel wieder offen". Musikalisch gesehen und was die Produktion angeht, ist das Album so richtig schön altmodisch, aber durchaus stimmig, denn es passt zu Hans Scheibners Texten und seiner gesanglichen Dramaturgie. Ist er heute noch genauso bissig und aufmüpfig wie früher, oder ist er heute etwas ruhiger, weiser oder gar altersmilde geworden? Auch darüber gibt Hans Scheibner Auskunft in einem exklusiven, ausführlichen Interview im Kramladen.

Playlist: Artist / Track /Album /Label
1. L. Shankar /Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Hans Scheibner / Das ist aber schade / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
3. Hans Scheibner / Lobgesang / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
4. Hans Scheibner / Meine Mutter hat mich falsch erzogen / Die Lieder - Vol. 1 / Radio Ikebana
5. Hans Scheibner / Wahn und Morden / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
6. Hans Scheibner / Pfeif doch auf die Leute / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
7. Hans Scheibner / Rentner-Song / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
8. Hans Scheibner / Im freien Fall / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
9. Hans Scheibner / Das macht doch nichts / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
10. Hans Scheibner / Die Luft wird knapp / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen Apamantus, Soulfood
11. Hans Scheibner Liebe & Eifersucht Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
12. Hans Scheibner / Nicht kompatibel / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
13. Hans Scheibner / Ein Tropfen Öl / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood
14. Hans Scheibner / Der Crash / Bevor ich abkratz', lach ich mich tot / Hörbuch Hamburg
15. Hans Scheibner / Der Lenz ist da / Und plötzlich ist der Himmel wieder offen / Apamantus, Soulfood

am Donnerstag 11.08.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 13.08.16, 14-15 Uhr), Thema:

„Himmel und Hölle" - zum 20. Todestag von Rio Reiser

 „Und neulich, als die Sache mit den Pilzen war, hatte ich das erste Mal Angst zu sterben oder besser gesagt, ich habe die Möglichkeit ernsthaft gesehen, dass ich abkratzen könnte. Naja, auf jeden Fall will ich nicht an 'ner Pilzvergiftung sterben, sondern wenn schon, dann für was." Dies ist eine Tagebucheintragung von Rio Reiser, zitiert und veröffentlicht in einem neuen Buch, das am 17. Juni 2016 aus Anlass des 20. Todestages von Rio Reiser auf den Markt kam: „Halt dich an deiner Liebe fest. Rio Reiser". Buchautor ist Rios älterer Bruder Gert Möbius, der ein intensives, fast privatimes Porträt aus Rios persönlichen Aufzeichnungen und Tagebucheintragungen zusammenstellte - von den wilden Jahren in Berlin, als Rios Band Ton Steine Scherben das musikalische Sprachrohr der links-alternativen Szene war und „die Welt auf den Kopf und wieder zurück gestellt wurde" (Klappentext) bis zu Rios-Solojahren, seinem Rückzug aus der Politszene und seinem kurzzeitigen Aufstieg zum sogar vom Mainstream-Pop-Publikum gefeierten Rio dem Ersten, König von Deutschland. Gert Möbius zeigt in seinem Buch auch die empfindsame und verletzliche Seele seines schwulen Bruders. Rio „litt an der Liebe und deren Vergehen und stürzte sich in immer neue erotische Abenteuer, deren Scheitern wir seine schönsten Liebeslieder verdanken" (Klappentext).

Rio Reiser hat als Solist sechs Studioalben veröffentlicht; mit seiner Band Ton Steine Scherben nahm er fünf Studioalben und drei Livealben auf. (Das Gesamtwerk von TSS einschließlich bislang unveröffentlichter Titel wurde im Dezember 2015 als 13 CD-Box wiederveröffentlicht).  Der Inhalt all dieser Tonträger gehört zweifellos zum Kulturerbe der deutschen Rockszene. Etliche der Songs von Rio und seiner Band Ton Steine Scherben gehören zum Allerbesten, was die deutschsprachige Musik hervorgebracht hat. Zum 20. Todestag - Rio starb am 20. August 1996 im Alter von nur 46 Jahren - erscheint nun eine neue Song-Kompilation mit dem Titel „Rio Reiser - Alles und noch viel mehr", die auch ein paar teils gelungene Neu-Interpretationen berühmter Rio Reiser-Originale enthält, so etwa von Johannes Oerding, Namika und Gregor Meyle. Nicht nur diese jungen deutschsprachigen Künstler verneigen sich mit Respekt vor Rio Reiser, einem der wichtigsten Sänger und Songschreiber deutscher Sprache. Auch Stars und große Namen wie Grönemeyer, Müller-Westernhagen, Udo Lindenberg, Die Toten Hosen, Söhne Mannheims, Fehlfarben, Nena, Sido etc. haben Songs von Rio Reiser neu bearbeitet.

Rios älterer Bruder wertet aktuell den umfangreichen Nachlass von Rio Reiser aus und will in Kürze seinem Buch noch eine Mammutveröffentlichung folgen lassen, eine Box mit 16 CDs, die 340 bislang unbekannte Songs enthalten soll, die zum großen Teil für Theaterproduktionen und Filmprojekte entstanden sind.

Der Kramladen erinnert zum 20. Todestag an einige der überdauernden Songs von Rio Reiser und Ton Steine Scherben und macht mit ein paar Coverversionen hörbar, welche Wirkung der außergewöhnliche Sänger und Songschreiber Rio Reiser bis heute hat. Außerdem sind aktuelle Statements zu Rios Bedeutung von Claudia Roth, Udo Lindenberg, Heinz Rudolf Kunze, Johannes Oerding u.a. zu hören.

„Warum schreibe ich das Buch hier, Baby. Ich versuche die Zeit festzuhalten. Oder? Das ist eine Sache. Die andere ist, dass ich hier reinschreibe, meinen Blues, meine Leere, meine Hoffnungslosigkeit. Nicht meine Hoffnungen, nicht meine Wünsche. Aber die sind, glaube ich, in meinen Liedern." (Rio Reisers Tagebucheintragung vom 26.09.1973)

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Rio Reiser / Wann (Version 2016) / Rio Reiser - Alles und noch viel mehr / Sony Music
3. Ton Steine Scherben / Wir müssen hier raus / Keine Macht für Niemand / David Volksmund Produktion
4. Ton Steine Scherben / Mein Name ist Mensch / Warum geht es mir so dreckig / David Volksmund Produktion
5. Ton Steine Scherben / Rauch-Haus-Song / Keine Macht für Niemand / David Volksmund Produktion
6. Sido feat. Rio Reiser / Wir sind geboren, um frei zu sein / Blutzbrüdaz (Soundtrack) / download
7. Rio Reiser / Der Junge am Fluss / Himmel & Hölle / Sony
8. Rio Reiser /  Land in Sicht / Am Piano 1 / Möbius
9. Ton Steine Scherben / Land in Sicht / Live II / David Volksmund
10. Rio Reiser / Zauberland / Rio Reiser - Alles und noch viel mehr / Sony Music
11. Namika / Zauberland / Rio Reiser - Alles und noch viel mehr / Sony Music
12. Rio Reiser / König von Deutschland / Rio Reiser - Alles und noch viel mehr / Sony Music
13. Gregor Meyle / König von Deutschland / Rio Reiser - Alles und noch viel mehr / Sony Music
14. Ton Steine Scherben / Halt dich an deiner Liebe fest / Rio Reiser - Alles und noch viel mehr / Sony Music

 

am Donnerstag 28.07.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 30.07.16, 14-15 Uhr), Thema: 

Die Revolver-Revolution

 Vor 50 Jahren (genau am 5. August 1966) erschien das grandiose Beatles-Album „Revolver". Der Albumtitel mit dem etwas müden Wortspiel war vielleicht der einzige Schwachpunkt dieses überragenden Albums, das viele Kritiker noch höher bewerten als das „Sgt. Pepper"-Meisterwerk, das ein Jahr später erschien. Vom innovativen Cover angefangen, das Klaus Voormann als Montage aus Zeichnung und Foto-Collage entworfen hatte, bis zur kreativ überbordenden Musik mit einer Fülle von Soundfinessen und Klangexperimenten, die man bis dahin noch nicht gehört hatte, setzte „Revolver" Maßstäbe im Sommer 1966, die für niemanden damals im Pop erreichbar waren. („Revolver" war tatsächlich noch ein Stück innovativer als das zweite Meilenstein-Album des Sommers vor 50 Jahren, „Pet Sounds" von Brian Wilson und den Beach Boys.)

Alleine der Schlusstitel des Albums, John Lennon's „Tomorrow Never Knows", mit seinen aberwitzigen, faszinierend-bizarren, rauschähnlichen Tonmalereien elektrisierte die gesamte Popwelt und löste die psychedelische Ära aus.

Die musikalisch-kreative Entwicklung der Beatles in nur drei Jahren, vom simplen Beat des Debütalbums „Please Please Me" Anno 1963 bis zum komplexen Kunstwerk „Revolver", gleicht einem Quantensprung. Eine solche Rasanz, in nicht mehr als drei Jahren von der unbedarft drauflos spielenden Beatband zu anerkannten Pop-Avantgardisten aufzusteigen, das hat es in der Popgeschichte so nie wieder gegeben.

Die besten „Revolver"-Songs und ihre Hintergrundgeschichten sind in dieser Kramladen-Ausgabe zu hören, daneben rare Alternativ-Fassungen und Coverversionen.

Playlist: Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. The Beatles / Taxman / Revolver / Parlophone, Apple, EMI
3. Saga / Taxman / Pleasure & The Pain / Polydor
4. The Beatles / Eleanor Rigby / Revolver / Parlophone, Apple, EMI
5. Various Artists / Eleanor Rigby (Montage) / diverse / diverse
6. The Beatles / I'm Only Sleeping / Revolver / Parlophone, Apple, EMI
7. The Beatles / I'm Only Sleeping (Rehearsal / Take 1) / Anthology 2 / Apple
8. The Vines / I'm Only Sleeping / Soundtrack I Am Sam / V2
9. The Beatles / Love You To / Revolver / Parlophone, Apple, EMI
10. Cornershop / Love You To / Something Makes You Feel Like / Ample Play Records
11. The Beatles / Here There And Everywhere / Revolver  / Parlophone, Apple, EMI
12. Emmylou Harris / Here There And Everywhere / Lennon-McCartney Songbook Vol. 1 / EMI
13. The Beatles / She Said She Said / Revolver / Parlophone, Apple, EMI
14. The Feelies / She Said She Said / Revolver Reloaded / Twin Tone Records, EMI
15. The Beatles / And Your Bird Can Sing / Revolver / Parlophone, Apple, EMI
16. The Beatles / And Your Bird Can Sing (Take 2) / Anthology 2 / Apple
17. The Beatles / Tomorrow Never Knows / Revolver / Parlophone, Apple, EMI

 

am Donnerstag 14.07.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 16.07.16, 14-15 Uhr), Thema:

D.I.Y. - Musiker, die alles selber machen - wie der fabelhafte Jacob Collier

 Nerd, Autist oder Genius? Wie soll man einen jungen Mann nennen, der noch bei seinen Eltern wohnt, sich  Monate lang in seinem mit Instrumenten voll gestopften Zimmer einschließt, alles selber macht, unzählige Instrumente spielt, Sounds kreiert, Haupt- und Chorstimmen einsingt, Hunderte von Aufnahmespuren übereinander legt, alles selbst arrangiert, abmischt und produziert und am Ende mit einem grandiosen Debüt-Album, genannt „In My Room", aus seinem Spielzimmer wieder herauskommt? Der 21-jährige Londoner Jacob Collier ist womöglich in gewissem Maße ein Nerd, ist absolut kein Autist, wahrscheinlich eher ein Wunderkind-Genius, auf jeden Fall ist er ein hochbegabter Multiinstrumentalist, Sänger, Sound-Designer, Songschreiber und Performer. Und das verblüffende Phänomen an diesem jungen Musik-Genius ist, dass er nicht nur viele Stimmen singt und diverse Instrumente zu spielen versteht, was und wie er es macht, ist hochgradig beeindruckend: er singt hervorragend und spielt alle Instrumente, von Klavier/Keyboard/Akkordeon über Gitarre/Mandoline/Ukulele und Stand-/E-Bass bis Schlagzeug und mannigfaltige Perkussionsinstrumente mit großem Können - Klavier spielt er gar virtuos und Gitarre wie Bass exzellent.

Bekannt wurde Jacob Collier durch seine Videos im Internet. Schon als 17-jähriger produzierte er in seinem Zimmer eine aufwändig im Multiplaybackverfahren aufgenommene Coverversion des Stevie Wonder-Songs „Don't You Worry 'Bout A Thing", sang 6-stimmig mit sich selbst, spielte noch etliche Instrumente ein und veröffentlichte seinen Videoclip im Split-Screen-Verfahren auf YouTube. Der Clip, in dem man Jacob Collier als Performer mit all seinen Chorstimmen und Instrumenten gleichzeitig im Bild sehen kann, wurde über 1.5 Millionen Mal angeklickt, was den berühmten Produzenten Quincy Jones auf ihn aufmerksam machte, der schließlich die Neuentdeckung Jacob Collier unter Vertrag nahm.

Jazz als Überbegriff passt besser als Rock oder Pop, um die eklektische Musik von Jacob Collier zu kategorisieren. Seine komplexen Vokalarrangements, die manchmal wie eine Mischung aus Manhattan Transfer und Bobby McFerrin klingen, und seine Neigung zu ausdifferenzierter Harmonik, wie man sie von Chick Corea und Herbie Hancock kennt -­ beide sind übrigens erklärte Bewunderer von Jacob Collier - drängen seine Musik stilistisch logischerweise in Richtung einer Jazz-Einordnung, aber da sind auch Elemente aus Funk, Artpop, Fusion und Soul zu hören. Und plötzlich glaubt man ein Zitat von Frank Zappa oder Prince entdeckt zu haben und wundert sich über den Einfallsreichtum und die musikalische Akribie des neuen „Messias des Jazz" (The Guardian), das „achte Weltwunder" (Incognito) namens Jacob Collier.

Sein am 1. Juli veröffentlichtes Debütalbum „In My Room" widmete er unter anderem seinem „wunderbaren Zimmer" (Liner Notes), in dem all die fantasievollen und bei aller Komplexität nicht verkopften und stets gut hörbaren Aufnahmen entstanden sind. Das Titelstück ist seine brillante Neufassung des gleichnamigen Songs von Brian Wilson, 1963 geschrieben für das Beach Boys-Album „Surfer Girl". Brian Wilson spielt übrigens selbst verschiedene Instrumente und nahm sein Solo-Debütalbum von 1988 fast im Alleingang auf, nur das Schlagzeug spielte damals ein Studiomusiker. Dass Popmusiker alles selber machen und ganze Plattenaufnahmen quasi als Band in Personalunion alleine bewältigen, das hat eine lange Tradition in der Popgeschichte. Einer der ersten Multiinstrumentalisten, der seine Plattenaufnahmen (fast) alleine durchzog, war Todd Rundgren. Weitere Musiker, die etliche ihrer Produktionen in Eigenregie ohne weitere Begleitung aufnahmen, waren unter anderem Paul McCartney, Stevie Wonder, Prince, John Fogerty, Steve Winwood, Lenny Kravitz,  Sufjan Stevens etc.

Ein paar der großen Multiinstrumentalisten der Popgeschichte sollen zu hören sein, doch im Mittelpunkt dieser Kramladen-Ausgabe steht das fulminante Debüt-Album „In My Room" des erst 21-jährigen überragenden Do-It-Yourself-Musikers und neuen Wunderknaben mit dem musikalischen Füllhorn  Jacob Collier.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Jacob Collier / Hajanga / In My Room / Membran Media
3. Jacob Collier / Down The Line / In My Room / Membran Media
4. Paul McCartney / Promise To You Girl / Chaos And Creation In The Backyard / Parlophone
5. Jacob Collier / Hideaway / In My Room / Membran Media
6. Stevie Wonder / Rain Your Love Down / Conversation Peace / Motown
7. Jacob Collier / Woke Up Today / In My Room / Membran Media
8. Prince / Emancipation / Emancipation / NPG Records
9. Jacob Collier / In My Room / In My Room / Membran Media

 

am Donnerstag 30.06.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 02.07.16, 14-15 Uhr), Thema:

Halbzeit - bemerkenswerte Alben des ersten Halbjahres 2016

Die vergangenen sechs Monate waren mehr als turbulent. Grausame Terroranschläge, Flüchtlingsdramen, Naturkatastrophen, Tote bei Unwettern in Deutschland, Rechtsruck in Europa, Vormarsch der Populisten weltweit und jetzt auch noch die politische und wirtschaftliche Krise Europas durch den Brexit, usw.

Die Musikszene hat eine große Zahl von Todesfällen zu beklagen: Lemmy Kilmister (Motörhead [28.12.15]), Natalie Cole [31.12.15], David Bowie [10.01.16], Glenn Frey (Eagles [18.01.16]), Paul Kantner (Jefferson Airplane [28.01.16]), Maurice White (Earth Wind & Fire [03.02.16]), George Martin [08.03.16], Keith Emerson [10.03.16], Roger Cicero [24.03.16], Merle Haggard [06.04.16], Prince [21.04.16], Peter Behrens (Trio [12.05.16]), Dave Swarbrick (Fairport Convention [03.06.16]), Henry McCullough (Spooky Tooth, Wings [14.06.16]) u.a.

Die Produktivität der Pop/Rock-Szene ist nach wie vor ungebrochen, scheint sich sogar noch zu steigern. Eine Flut von Neuerscheinungen kam auf den Markt. Die Masse an Neuveröffentlichungen wird immer unüberschaubarer. Aus den meterhohen Stapeln von neuen CDs und den ausufernden Datenmengen digitaler Musik-Angebote kramt der Kramladen eine kleine, überschaubare Zahl von bemerkenswerten Alben der beiden Monate April und Mai 2016 heraus und beschränkt sich dabei bewusst auf weniger große Namen wie Tiles, Aline Frazao, Arvvas, Myrath, Emily Jane White, Fraser Anderson, Afenginn, RM Hubbert, Sycamore Age, Katatonia, Plants And Animals und Defne Sahin.

Natürlich fehlen in dieser Aufzählung noch jede Menge wichtiger Namen, natürlich ist noch sehr viel mehr an hörenswerter und herausragender Musik jenseits des Mainstreams veröffentlicht worden, es bleibt also - über diese kleine Auswahl hinaus - noch viel zu entdecken.

Kurztext:  Rückblick zur Jahreshälfte: Hörenswerte Neuveröffentlichungen der letzten Wochen aus ganz Europa (+ Tunesien), nur England ist leider nicht dabei.

Playlist: Artist /Track / Album / Label
1. L. Shankar /Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Fraser Anderson / Feel / Under The Cover Of Lightness / Membran Records
3. RM Hubbert / Probably Will Probably Do / Telling The Trees / Chemical Underground
4. Afenginn / Amore Memoriam / Opus / Westpark Music
5. Myrath / Nobody's Lives / Legacy / earMusic, edel
6. Arvvas / Space Machine / Remembrance / Nordic Notes
7. Aline Frazao / O Som Do Jacaranda / Insular / Jazzhaus Recordings
8. Sycamore Age / Cheap Chores / Perfect Laughter / Santeria, Woodworm
9. Colder / Sad Faces / Goodbye / Bataille, Rough Trade
10. Defne Sahin / Walk With Me / Unravel / Fresh Sound Music, Fenn Music
11. Katatonia / Takeover / The Fall Of Hearts / Peaceville Records, edel
12. Sven Helbig / Bell Sound Like Falling Snow (Hintergrundmusik) / Pocket Symphonies Electronica / Neue Meister, Berlin Classics

 

 

am Donnerstag 16.06.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 18.06.16, 14-15 Uhr), Thema:

Ich habe die Beatles gesehen - vor 50 Jahren während ihrer Blitztournee durch Deutschland

Im Juni vor 50 Jahren waren die Beatles auf ihrer einzigen Deutschlandtournee und gaben sechs Konzerte in drei Städten: München am 24.06., Essen am 25.06. und Hamburg am 26.06.1966. Und so geschah es also am 25. Juni vor 50 Jahren, dass in der Essener Grugahalle ein großes Geschrei anhob, der Hallenboden zu vibrieren begann und etliche Teenager in Ohnmacht fielen, als die Fab Four die Bühne enterten und mit Chuck Berry's „Rock'n'Roll Music" loslegten. Und der Schreiber dieser Zeilen war bei diesem denkwürdigen Ereignis dabei. Nicht als Fall für die Sanitäter, auch nicht als hysterischer Schreihals, sondern als glühender Beatles-Fan, der von seinen Idolen gerne mehr gesehen und vor allem mehr gehört hätte. Dass daraus nichts werden sollte, deutete sich schon beim Umbau nach den Vorgruppen an. In dem Augenblick, als Ringo's Bass-Drum mit dem Beatles-Logo aufs Podest gestellt wurde, setzte das Geschrei der Fans ein. Das Kreischen steigerte sich später ins Infernalische, jedes Mal, wenn Paul und George ins gleiche Mikrophon ihre „Uuhs" und „Yeahs" schmetterten und dazu grinsend mit den Köpfen wackelten. Oder wenn sich alle Vier nach jedem Titel tief verbeugten. Aber eigentlich schrieen die Fans ständig. War das „She's A Woman" oder „Day Tripper"? Welchen Song die Beatles gerade spielten, das war nur schwerlich zu identifizieren, so arg wurde die größte Band aller Zeiten mit ihren kleinen 100-Watt-Vox-Verstärkern von den Fans niedergebrüllt, oder besser frenetisch jubelnd übertönt. Auch wenn das Konzert der Überhelden nach einer halben Stunde schon vorbei war und auch wenn kaum etwas von der Live-Musik der vier Giganten in der Grugahalle zu hören war - auch nicht vom Schlusstitel „I'm Down" - „down" war keiner in der ausverkauften Halle. Im Gegenteil. Für mich war der Kurz-Auftritt der Beatles in Essen am 25. Juni 1966 das aufregendste Konzert meines Lebens. Und darüber muss doch mal erzählt werden: Anekdoten eines Zeitzeugen. Das ist das Thema des Kramladens. Yeah!

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Paul McCartney / Early Days / Pure McCartney / Concord Music Group
3. Paul McCartney / Eleanor Rigby / Back In The World Live / Capitol
4. The Beatles / Tomorrow Never Knows / Revolver / Apple, EMI
5. The Beatles / Paperback Writer / Documents Vol. 3 / Document Records
6. The Beatles Norwegian Wood Rubbersoul Apple, EMI
7. The Beatles / Rain / Past Masters Vol. 2 / Parlophone, Apple
8. The Beatles / I Feel Fine / Anthology 2 / Apple, EMI
9. The Beatles / She's A Woman / Anthology 2 / Apple, EMI
10. The Beatles / Ticket To Ride / Anthology 2 / Apple, EMI
11. The Beatles / Yesterday / Live at Grugahalle, Essen 25.06.1966 / download
12. The Beatles / Nowhere Man / Yellow Submarine / Apple, EMI
13. The Beatles / I'm Down / Past Masters Volume 1 / Apple, EMI
14. The Beatles / We Can Work It Out / 1 / Apple, EMI

am Donnerstag 02.06.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 04.06.16, 14-15 Uhr), Thema:

„Songs for Refugees" - Musik macht Hoffnung

 Sara, das kleine syrische Mädchen lag völlig entkräftet in seinen Armen. Und er geriet in Panik, weil er fürchtete, das zitternde Kind könnte sterben. Schließlich hatte er schon mit ansehen müssen, wie fast leblose Kleinkinder an diesem Strand wiederbelebt werden mussten. Es war nicht immer gut gegangen. Doch Sara überlebte an diesem regnerisch kalten Februar-Abend an einem Strand auf Lesbos, nachdem sie mit einem völlig überfüllten Flüchtlingsboot, das kurz vor dem Strand zu kentern drohte, angekommen war und er, als einer der Helfer, plötzlich das kleine unterkühlte Mädchen im Arm hatte. Ein ärztlicher Nothelfer, der unmittelbar zuvor ein anderes Kind nicht mehr wiederbeleben konnte, kümmerte sich um Sara und schließlich wurde auch ihre Mutter bald gefunden. Dieses einschneidende Erlebnis ließ ihn nicht mehr los. Er schrieb einen Song über dieses dramatische Ereignis mit dem Titel „Sara". Und dabei blieb es nicht, Jim Korf, der in Berlin lebende englische Musiker und Fotograf gründete ein Hilfsprojekt, schrieb 10 weitere Songs über seine Erlebnisse mit Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos und in Idomeni an der mazedonischen Grenze, wo er im menschenunwürdigen Behelfscamp mit 15.000 Flüchtlingen für drei Wochen lebte. Aus dem musikalischen Ausdruck seiner Erlebnisse entstand das Album „Journeys #3", das innerhalb von 48 Stunden in Berlin und London produziert wurde und dessen Verkaufserlöse seinem Benefizprojekt „Boat For Sara" zugute kommt.

Das Album wird offiziell zwar erst am 15. Juli veröffentlicht, in dieser Kramladenausgabe sind aber vorab bereits ein paar Songs daraus zu hören. Außerdem weitere „Songs for Refugees", so etwa der fast vergessene Crowded House-Titel „Help Is Coming" aus dem Jahre 1999, der im September 2015 als „song to help Syrian refugees" wiederveröffentlicht wurde. Studenten der Hochschule der populären Künste in Berlin erarbeiteten und veröffentlichten im Dezember 2015 ihren Benefiz-Song „Moving - Refugees Welcome", der ebenfalls zu hören sein wird. 

Das Thema Flüchtlinge war immer wieder Gegenstand von Popsongs, so z.B. im 2001 veröffentlichten Album „Refugee Voices: Building Bridges", in dem Flüchtlingsmusiker mit Songs über ihr eigenes Schicksal zu hören waren. Bekannt wurde auch das Projekt Heinz Ratz & The Refugees. Für viele in Deutschland lebende Flüchtlinge „sind Lethargie und Isolation schwer zu ertragen. Ihnen bleibt kaum eine Möglichkeit, etwas Lebensbejahendes zu unternehmen. Das Musikprojekt Heinz Ratz & The Refugees stellt eine Ausnahme dar: Den Flüchtlingen bietet es die Chance, aus ihrer abgeriegelten Welt auszubrechen, indem sie Musik machen. Heinz Ratz hat für seine Arbeit die Integrationsmedaille erhalten.

Das Musikprojekt The Refugees ist ein politisches Statement mit Weltmusik aus Asylheimen und Liedern über das Leben auf der Flucht", so heißt es in einem TV-Beitrag von 3sat unter der Überschrift „Musik macht Hoffnung".

Playlist: Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Studenten der HDPK (Hochschule der populären Künste, Berlin) / Moving - Refugees Welcome / Songs For Refugees / download
3. Willy Schwarz / Refugees / Songs of Immigrants, Refugees and Exiles / Clearspot
4. Jim Kroft / Sara / Journeys #3 / Field Recordings, Believe Digital
5. Jim Kroft / Shadowland / Journeys #3 / Field Recordings, Believe Digital
6. Jean-Jaques Djakhobo Nsengiyumva / Agasambi (The Bundle) / Refugee Voices Building Bridges / UNHCR, Vertrieb: tis, Warner
7. Kristoffer An The Harbour Heads / When You Say Stay / Ex-Ex / Klangskivan, Vertrieb: INgrooves
8. Crowded House / Help Is Coming / Reissue for „Save The Children" / download
9. Tom Read / We're Only Human (Song for Aylan Kurdi) / We're Only Human (Single) / download
10. Extra 3 (NDR) / EU-Song für Flüchtlinge / Extra 3 / download
11. Maryam Mursal / Quax - Refugee / The Journey / Realworld

 

am Donnerstag 19.05.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 21.05.16, 14-15 Uhr), Thema:

Wind Of Change - Der Soundtrack zum Mauerfall - Teil 2 

Im Frühjahr vor 25 Jahren stand die berühmteste Single der Scorpions „Wind Of Change", die allgemein als die „Hymne der Wende" gilt, überall hoch in den Charts.  Welchen Anteil am Fall der Mauer hatte die Rockmusik? Schwierige Frage. Mit Sicherheit lässt sich sagen: den Soundtrack zum Mauerfall lieferten Musiker aus Ost und West. Im 1. Teil zum Thema (in ByteFM gesendet am 24.11.2014) beschäftigte sich der Kramladen mit der DDR-Musikszene, die mit mehr oder minder unterschwellig kritischen Liedern ihren Anteil am Untergang der DDR hatte. Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Scorpions-Hymne „Wind Of Change" geht es nun in Teil 2 um den Anteil der Musikszene des Westens am Soundtrack zum Mauerfall.

Im entscheidenden Jahr 1988, in dem die Weichen für den Umbruch in der DDR unwiderruflich gestellt wurden, fand eine Art „Kalter Krieg der Rockkonzerte" auf beiden Seiten der Mauer statt. Michael Jackson und Pink Floyd auf der Westseite der Mauer, Depeche Mode und Bruce Springsteen auf der Ostseite. In Westberlin hatte die Serie der so genannten „Mauerkonzerte" schon an Pfingsten 1987 begonnen -  mit Auftritten unter dem Motto „Musik überwindet die Mauer" von David Bowie, Genesis und den Eurythmics vor dem Reichstagsgebäude, also in direkter Hörweite von Ostberliner Fans. David Bowie verlas die Grußbotschaft auf deutsch: „Wir schicken unsere besten Wünsche zu unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind." Obwohl Polizeiketten und Grenzschützer der DDR den Zugang zur Ostseite der Mauer weiträumig abgesperrt hatten, versuchten etwa 1000 Ostberliner Rockfans näher an die Mauer heranzukommen, um die berühmten West-Stars zu hören. Es kam zu Ausschreitungen und Verhaftungen - und eine ungeheuerliche Parole aus den Mündern der DDR-Rockfans war bis nach Westberlin zu hören: „Die Mauer muss weg".

Im zweiten Teil zum Kramladen-Thema „Der Soundtrack zum Mauerfall" sind westliche Pop/Rock-Stars zu hören, die eine Rolle zur Zeit der Wende gespielt haben, z.B. Bruce Springsteen, David Bowie, Genesis, Pink Floyd, Udo Lindenberg, Rio Reiser, Peter Maffay, Scorpions u.a..

Playlist: Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Neil Young + Pearl Jam feat. Neil Young / Rockin In The Free World / Freedom / Reprise Records
3. Marius Müller-Westernhagen / Freiheit / Live / WEA Records
4. Scorpions / Wind Of Change / Acoustica / Eastwest records
5. David Bowie / Heroes / Live vor dem Berliner Reichstag 1987 / download
6. Bruce Springsteen / Chimes Of Freedom / Live am 19. Juli 1988 Ost-Berlin / download
7. Sandow / Born In The GDR / Stationen einer Sucht / Amiga
8. Udo Lindenberg / Mädchen aus Ost-Berlin / Live 1983 / download
9. Nina Hagen / Ermutigung / VolksBeat / Polydor
10. Karat & Peter Maffay / Über sieben Brücken / Live 2013 / download

 

am Donnerstag 05.05.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 07.05.16, 14-15 Uhr), Thema:

„Der Greis ist heiß" - zum 70. Geburtstag von Udo Lindenberg

 Er habe gerade den Club der Hundertjährigen gegründet und einen Fahrschein für weitere 30 Jahre gebucht, ließ der am 17. Mai 1946 im westfälischen Gronau geborene Altrocker deutscher Zunge in einem aktuellen Interview verlauten. Ob der  Mann mit Hut und Zigarre anders als Prince, Bowie etc. tatsächlich das Greisenalter erreicht? In den 1990er Jahren war er „hauptberuflicher Trinker", sah aus wie ein „Rock'n'Roll-Mops" (Selbstbeschreibung), wog 93 Kilo und erlitt einen Herzinfarkt. 2007 wurde er wegen Herzbeschwerden kurzzeitig in einer Hamburger Klinik behandelt. Doch aktuell fühlt er sich „Stärker als die Zeit" (Album-Titel) und bereitet sich auf seine Festwochen zum 70. Geburtstag vor, seine Deutschland-Tour durch die Arenen der Republik vom 20. Mai bis 26. Juni 2016.

„Der Greis ist heiß", diese Rentner-Ode aus seinem Erfolgsalbum „Stark wie zwei" von 2008, singt Udo auch auf dem neuen Album „Doldinger" von Edel-Jazzer Klaus Doldinger, ein bemerkenswertes Album mit vielen Gastmusikern, das zu dessen 80. Geburtstag am 29.04. veröffentlicht wurde. In Doldingers Jazzrock-Band Passport begann 1970 Udo Lindenbergs Karriere, zunächst als Trommler. Zum damaligen Zeitpunkt hielt Udo L. Rockmusik und deutsche Sprache für unvereinbar, was er dann 1973 mit seinem ersten deutschsprachigen Album „Alles klar auf der Andrea Doria" eindrucksvoll widerlegte.

Ob man das „Singen" nennen will, wie er seine Texte akustisch mit dem Munde malt, das dürfte Ansichtssache sein. Tatsächlich liegt der Tonumfang seiner Nicht-Stimme unter dem Durchschnitt des gemeinen Badewannen-Tenors. Aber dennoch ist er einer der populärsten deutschsprachigen Sänger. Was andere mit Können und Vokalakrobatik machen, das macht er mit Charakter. Statt zu intonieren nölt er, statt zu singen nuschelt er, statt zu phrasieren stümpert er amateurig „Dedudendudendu". Aber das macht er so unverkennbar, unverwechselbar und souverän, dass es schon wieder gut ist. Und mehr als gut: ein „Glücksfall" war und ist seine Schnodder-Sprache und Schnodder-Stimme für die deutschsprachige Rockmusik. Er hat die im Rock-Idiom als unsingbar geltende deutsche Hochsprache in einen Szene- und Straßen-Jargon übersetzt, der so etwas wie eine deutsche Rock-Identität überhaupt erst ermöglicht hat.

Zwar gab es vor ihm schon die Bands Ihre Kinder und Ton Steine Scherben, die angloamerikanische Rockmusik eingedeutscht haben, doch Udo war es, der den Deutschrock gesellschaftsfähig und populär gemacht hat. Insofern war er der Pionier, der sich um den deutschsprachigen Pop verdient gemacht hat, dafür 1989 auch das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt, damit seine Schuldigkeit auch getan hatte, aber dennoch nicht abgehen wollte, obwohl die neuen, jungen Szenehelden, die deutschsprachigen Hiphopper, die seine Söhne hätten sein können (und im übertragenen Sinne auch waren), ihm den Rang abliefen.

Doch 2008 entstieg der „Deutschmeister des politischen Kinderreims" der Gruft der scheintoten, fast vergessenen Rocker-Mumien wie deus ex machina und veröffentlichte das erfolgreichste Album seiner Karriere „Stark wie zwei", gefolgt von einer Stadiontournee, die alle bisherigen Panikorchester-Konzertreisen in den Schatten stellte. Nun, mit dem neuen Album „Stärker als die Zeit", das zum 70.Geburtstag und zur neuen Tournee erscheint, will der „Panik-Macher" den eigenen Alterserfolg und den seiner „Rentnerband" erneuern.

Motto: „Ich werde mich nicht ändern, werd' kein anderer mehr sein. Ich habe tausend Pläne, doch‘n Plan B brauch ich kein‘".

Und seine Fans hoffen, dass er noch „so alt wird, wie er jetzt schon aussieht. Aber sonst ist alles klahahar, auf der Andrea Doria. Dedendedededada".

Nachtrag: Jens Balzer schreibt in seiner Rezension des Albums „Stärker als die Zeit" in der FR vom 29.04.16: Das Album biete „bloß Malen-nach Zahlen-Balladen, in denen die ... Größe von Udo Lindenberg in tragischer Art zur öden Pose eines von sich selbst gerührten Rockrentners schrumpft." Und über die Qualität der Songs und der Produktion urteilt er: „... ein professioneller, fürs Radio tauglicher, konturloser und klebriger Konfektionsklang".

Hat uns Udo das verdient? Auf jeden Fall ist er längst in die Geschichte eingegangen - alleine schon dadurch, dass er bei der Einspielung der Tatort-Themamusik (Komposition Klaus Doldinger) weiland 1970 die Trommelstöcke schwang.

Playlist: Artist /  Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Udo Lindenberg feat. Jan Delay / Ganz anders / Stark wie zwei / BMG
3. Udo Lindenberg feat. Martin Tingvall / Das Leben / MTV-Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic / Starwatch Entertainment
4. Udo Lindenberg / Blaues Auge / Stärker als die Zeit / Warner
5. Klaus Doldinger / Der Greis ist heiß / Doldinger / Warner Music
6. Udo Lindenberg & Panikorchester / Alles klar auf der Andrea Doria / Alles Klar Auf Der Andrea Doria / Telefunken
7. Udo Lindenberg & Nina Hagen / Romeo und Julia / Damenwahl / Warner Music
8. Udo Lindenberg & Inga Humpe / Ein Herz kann man nicht reparieren / MTV-Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic / Starwatch Entertainment
9. Udo Lindenberg / Rudi Ratlos / Ball Pompös / Telefunken
10. Udo Lindenberg / Ich bin von Kopf bis Fuß / Ball Pompös / Telefunken
11. Udo Lindenberg / Sonderzug nach Pankow / Sonderzug nach Pankow / Polydor
12. Udo Lindenberg /  Pimmelkopp / Pimmelkopp / edel
13. Udo Lindenberg / Stärker als die Zeit / Stärker als die Zeit / Warner

 

am Donnerstag  21.04.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 23.04.16, 14-15 Uhr) Thema:

„Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter"

Shakespeare in Pop und Rock - zum 400. Todestag von William Shakespeare

 Wann er geboren wurde, weiß man nicht, doch man kennt seinen Todestag. Es war der 23. April 1616. Und man feiert auch noch 400 Jahre später sein Sprachgenie, seine Gabe, Worte zu rhythmisieren und seine schier unerschöpfliche thematische Bandbreite, ausgeführt in Dramen, Theaterwerken, Versepen und Sonetten. Nur aus der Bibel wird häufiger zitiert. „Nach Gott hat er am meisten geschaffen", sagte Alexandre Dumas über ihn. Bis heute ist er der meistgespielte Bühnenautor und der meistverkaufte Autor aller Zeiten. Kein Wunder, dass auch Pop- und Rockmusiker von Shakespeare beeinflusst wurden. Shakespeare-Zitate finden sich unter anderem bei Bob Dylan, Lou Reed, Tori Amos, Sting und Radiohead. Shakespeare-Texte vertonten Elvis Costello, David Gilmour, Hallam London und Rufus Wainwright. Shakespeare-Themen finden sich bei den Dire Straits („Romeo and Juliet"), The Band („Ophelia"), John Cale („MacBeth"), The Smiths („Shakespeare's Sister") etc. Ob aktuelle Hollywoodserien, zeitgenössische Schriftsteller oder ambitionierte Poptexter, alle klauen bei William Shakespeare. Weil er brillant über alles geschrieben hat, was die Menschen bis heute bewegt: Liebe, Tod, Macht, Intrige, Wahrheit, Glaube, Lüge, Verrat, Moral. Kein Kreativer, der mit Sprache zu tun hat, kommt an Shakespeare vorbei. Die Indierockband The Bad Examples aus Chicago brachte es auf den Punkt in ihrem Song: „Every Poet Wants To Murder Shakespeare".

Playlist: Artist /  Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Hallam London / Devouring Time (Sonnet 19) / Not Afraid Of Greatness / Fortunesfavoursfools Records
3. Rufus Wainwright / Sonnet 29 / Take All My Loves / Universal
4. Rufus Wainwright / All dessen müd' (Sonnet 66) / Take All My Loves / Universal
5. David Gilmour / Shall I Compare (Sonnet 18) / When Love Speaks (Shakespeare's Sonnets) / Warner Classics, Parlophone
6. Bob Dylan / Bye And Bye / Love And Theft / Columbia
7. Dire Straits / Romeo And Juliette / Making Movies / Vertigo
8. Indigo Girls / Romeo And Juliette / Rites Of Passage / Epic
9. The Killers / Romeo And Juliet / Live From Abbey Road / Sony
10. Lou Reed / Romeo Had Juliette / New York / Sire
11. Radiohead / Exit Music (for a film) / OK Computer / Parlophone, Capitol
12. Elvis Costello & The Brodsky Quartet / Taking My Life In Your Hands / The Juliet Letters / Warner Bros
13. Elvis Costello / Miss Macbeth / Spike / Warner Bros. Records
14. BA Robertson / To Be Or Not To Be (Akzent) / To Be Or Not To Be (Single) / download
15. Mumford & Sons / Sigh No More / Sigh No More / Island
16. The Bad Examples / Every Poet Wants To Murder Shakespeare (Akzent) / Kisses 50 cent / Waterdog Music
17. Barenaked Ladies / If Music Be The Food Of Love / As You Like It / download

 

am Donnerstag  07.04.16, 23-24 Uhr (Wiederholung 09.04.16, 14-15 Uhr), Thema:

 Der „Brummbass", das Worldmusic-Ensemble Homebound und "Bruce 700", die musikalische Geschichte des schottischen Freiheitskampfes

Ein mitschwingender Grundton durchzieht das ganze Musikstück. Oder sind es mehrere Töne, dazu noch Obertöne? Diese Frage stellt sich - und dieses Klangphänomen findet sich - in der keltischen Musik genauso wie in der indischen, orientalischen und fernöstlichen Musik, in den mittelalterlichen Musikformen Europas, in der Gregorianik, in der archaischen Folklore der australischen Aboriginees und in den Stilrichtungen des Ambient-Pop, der Worldmusic und in Dancefloor/Chill out-Subgenres wie Drone Doome. Selbst in der Barockmusik, in Johann Sebastian Bachs Fuge in C-moll aus dem Wohltemperierten Klavier findet man diese besondere Klangerscheinung. Bei Bach spricht man vom Orgelpunkt, einem lang angehaltenen Basston. In der Folk-, Welt-, Popmusik und verwandten Musikformen spricht man von Bordun-Klängen, englisch: Drone. Die typischen Bordun-Instrumente sind der keltische Dudelsack, die mittelalterliche Drehleier, die indische Tanpura, die türkische Saz, die Mundorgeln aus China und Japan, oder auch das australische Didgeridoo.

Das international besetzte Worldmusic-Ensemble Homebound hat sich mit seinem neuen Album, das wortspielerisch „Adronelin" (Adrenalin/Drone) überschrieben ist, den Bordunklängen in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen gewidmet. Ihrem großen Instrumentarium, zu dem Dudelsack, Cello, Harfe, Drehleier, Flöten, Laute, Tabla, Schlagzeug u. a. gehören, entlocken die sieben Homebound-Musiker aus Schottland, Russland, Alaska, Indien, Portugal und Deutschland variantenreiche Klangformen und Musikpatterns, die immer wieder mit Bordun/Drone-Elementen spielen.

Am 9. April wird das bemerkenswerte und außergewöhnliche Album „Adronelin" von Homebound live in der Stadthalle von Hofheim am Taunus im Konzert vorgestellt.

Der Hauptprogrammpunkt dieses Konzertabends ist aber ein 60-köpfiges Folk-Klassik-Orchester, das ein in Deutschland einmaliges Werk aufführen wird: „Bruce 700". Je 30 Musiker aus Schottland und Deutschland spielen gemeinsam eine große Folk/Klassik-Komposition des schottischen Dudelsack-Virtuosen und Komponisten Allan MacDonald of Glenuig, ein Meisterwerk mit historischem Hintergrund. Vor rund 700 Jahren, im Jahre 1314, besiegten die schottischen Bravehearts unter Robert The Bruce in der Schlacht von Bannockburn das zahlenmäßig überlegene englische Heer und erkämpften die Unabhängigkeit Schottlands. Das dramatische Musikwerk „Bruce 700", das 2014 im schottischen Stirling uraufgeführt wurde, erzählt „die Geschichte einer europäischen Kulturnation,  in der der Wunsch nach Freiheit auch 700 Jahre später noch weiterlebt" (Pressemitteilung). Der Initiator des Konzertabends, der Leiter der Hofheimer Dudelsack-Akademie und selbst ein renommierter Dudelsackspieler, Thomas Zöller, Mitglied von Homebound, wird im Kramladen Auskunft geben über das Konzert „Bruce 700", über das Worldmusic-Ensemble Homebound  und über das Klang-Phänomen Bordun/Drone.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Homebound / Tillana / Adronelin / Homebound Records
3. Homebound / Prince Of Persia / Adronelin / Homebound Records
4. Homebound / The Cultures Intercourse / Adronelin / Homebound Records
5. ASP / Das Kollektiv / Verfallen Folge 2: Fassaden / Soulfood
6. ASP / Fortsetzung folgt / Verfallen Folge 2: Fassaden / Soulfood
7. Allan MacDonald & Ensemble Bruce 700 / Ouvertüre / Bruce 700 / download
8. Homebound / Buzzed Up - Jigs / Adronelin / Homebound Records
9. Homebound / Adronelin / Adronelin / Homebound Records
10. Homebound / Osmanian Dream / Adronelin / Homebound Records
11. Allan MacDonald & Ensemble Bruce 700 / Lament / Bruce 700 / download
12. Homebound / Saorsa / Adronelin / Homebound Records

kurzer Sendungstext:

Die Deutschlandpremiere des schottischen Folk-Orchesterwerkes „Bruce 700" und das neue Album „Adronelin" der Weltmusikgruppe Homebound werden am 9. April 2016 live in der Stadthalle Hofheim am Taunus präsentiert. Der Initiator dieses einmaligen Konzertes, Thomas Zöller, erläutert die Besonderheiten dieses außergewöhnlichen Konzertereignisses.

 

am Donnerstag 24.03.16, 23-24 Uhr (Wiederholung Samstag 26.03.16, 14-15 Uhr), Thema:

Virtuoser Klassiker des Progressive Rock - oder: Der Fluch des Perfektionismus

Zum tragischen Tode von Keith Emerson

 Wurde ihm sein eigener Überanspruch an Perfektion und Virtuosität zum Verhängnis? War es eine Depression, seine fortschreitende Erkrankung, oder eine Reihe von abfälligen Fan-Äußerungen über seine nachlassende Spieltechnik, die ihn in den Tod trieb? Was könnte der Grund gewesen sein, warum der einst gefeierte Tastenvirtuose und Pionier in Sachen Verschmelzung von Klassik, Rock und Jazz am 10.03.16 im Alter von 71 Jahren Selbstmord beging? Seine langjährige Lebensgefährtin, die ihn leblos im gemeinsamen Zuhause im kalifornischen Santa Monica fand, berichtete, Keith Emerson habe seit Jahren unter einem Nervenleiden im rechten Arm gelitten. Diese Erkrankung habe erhebliche Auswirkungen auf die Beweglichkeit seiner rechten Hand gehabt. Nach einer letzten Japan-Tournee, die im April beginnen sollte, wollte er sich von der Bühne zurückziehen. Er befürchtete, seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden zu können und hatte deshalb für die Tour einen Ersatz-Keyboarder als Unterstützung engagiert.

Seine Partnerin sagte in einem Interview, er habe sehr sensibel und verletzt auf „gemeine" Kommentare im Netz reagiert. Nach Konzerten im letzten Jahr hatte z.B. ein enttäuschter Fan gepostet: „Ich wünschte, er würde aufhören zu spielen." Nicht nur derlei Kritik war für Keith Emerson schwer zu ertragen, sondern vor allem die Erkenntnis des Virtuosen, dass ihm seine Virtuosität allmählich abhanden kam. „Er war Perfektionist, und der Gedanke, dass er nicht perfekt spielen könnte und nicht mehr gut genug sei, machten ihn depressiv, nervös und ängstlich", analysierte seine Lebensgefährtin.

Es war offenbar auch sehr viel, was er zu verlieren hatte. Denn sein Ruhm als Musiker gründete sich vor allem auf seinen Ruf als überragender Instrumentalist dank seiner stupenden Fingerfertigkeit und Spieltechnik. Dass er auch ein ausgezeichneter Komponist und versierter Arrangeur beim Adaptieren klassischer Vorlagen für Rock-Besetzungen war, das trat etwas in den Hintergrund angesichts seiner Performer-Qualitäten, wenn er im Konzert auf seiner Hammondorgel ritt, die Tastatur mit Messern bearbeitete und spektakuläre, aberwitzig hetzende Keyboard-Soli spielte. Ob er auf den Tasten von Orgel, Synthesizer, Clavinet oder Flügel seine effektvollen Kunststücke vollführte, Keith Emerson war in den frühen siebziger Jahren der unangefochtene Keyboard-Wizard der progressiven Rockmusik.

Schon 1967 sorgte er für Furore mit seiner Band The Nice, die als die erste Klassik/Rock-Crossover-Band in die Popgeschichte einging. Klassische Adaptionen und Interpretationen von Werken aus der E-Musik, etwa von Bach, Tschaikowski, Sibelius und Leonard Bernstein, fanden sich auf den hoch gelobten Alben „The Thoughts Of Emerlist Davjack" (1967) und „Ars Vita Longa Brevis" (1968). Im Oktober 1969 führte Emerson mit The Nice seine „Five Bridges Suite" gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra auf.

1970 gründete er, gemeinsam mit dem Gitarristen und Sänger von King Crimson Greg Lake und dem Atomic Rooster-Schlagzeuger Carl Palmer, die erste Supergroup des Progressive Rock: ELP. Mit ihrer Trio-Bearbeitung des Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgski, live präsentiert beim Isle of Wight-Festival im August 1970 begann eine äußerst erfolgreiche Karriere. Alben wie „Tarkus" (1971), „Trilogy" (1972), „Brain Salad Surgery" (1973) oder das Live-Album „Pictures At An Exhibition" von 1971 waren künstlerisch überzeugend gelungen und kommerziell erfolgreich. Der zunehmende Pomp in der musikalischen Gestaltung und die Gigantomanie der Konzerte führten allmählich jedoch zu einer Übersättigung beim großen Publikum. Der aufstrebenden Punk-Bewegung dienten Emerson, Lake & Palmer als Zielscheibe und Feindbild. Über ein Mega-Konzert von ELP notierte der BBC-Radio-DJ John Peel: „Was für eine Verschwendung an Talent und Strom."

Im ELP-Album „Works Volume 1" von 1977 veröffentlichte Keith Emerson sein erstes Klavierkonzert in drei Sätzen, das monumentale „Piano Concerto No.1", bei dem er nur am Steinway-Flügel saß und sich vom London Philharmonic Orchestra begleiten ließ. An eigener Klaviermusik sollte in späteren Jahren noch mehr entstehen (z.B.: „Emerson Plays Emerson", 2002). Nach einer finanziell desaströsen USA-Tournee mit einem 80-köpfigen Orchester im Sommer 1977 und dem künstlerisch enttäuschenden Album „Love Beach" löste sich ELP 1978 auf. In den Folgejahrzehnten gab es immer mal wieder kurze Wiedervereinigungen, Auftritte und Einzel-Konzerte - das letzte am 25. Juli 2010 zum 40-jährigen Band-Jubiläum als Headliner des Londoner Klassikrock-Festivals High Voltage. (Bei einigen Passagen des Live-Mitschnitts, z.B. im Solo des Songs „Knife Edge" waren krankheitsbedingte Einschränkungen in der Beweglichkeit von Keith Emersons rechter Hand zu hören.)

Auch im neuen Jahrtausend machte Keith Emerson verschiedentlich auf sich aufmerksam - mit seiner eigenen Keith Emerson Band (das gleichnamige Album erschien 2008), einer weiteren Formation mit dem Sänger und Bassisten Glenn Hughes und dem Gitarristen Marc Bonilla (Album „Boys Club", 2009), mit seiner Autobiografie „Pictures of an Exhibitionist" (2004), Filmmusik-Kompositionen und diversen Beteiligungen an Tribute-Projekten.

So sehr sich Keith Emerson von einem Kritikerurteil wie dem folgenden geehrt fühlen musste: "perhaps the greatest, most technically accomplished keyboardist in rock history" (allmusic) - es war auch eine schwere Hypothek für ihn, als sein spieltechnisches Vermögen nachließ. Wie fühlt sich ein Virtuose, der seine Virtuosität krankheitsbedingt verliert? Und doch bleibt die Frage: warum hat sich Keith Emerson mit einem Kopfschuss selbst getötet?

Playlist:  Artist / Track /Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Keith Emerson Band / The Art Of Falling Down / Keith Emerson Band / Edel Records
3. The Nice / America / The Thoughts Of Emerlist Davejack / Immediate Records
4. The Nice / Tarkus / Vivacitas - Live at Glasgow 2002 / Polygram
5. Emerson, Lake & Palmer / Tarkus / Tarkus / Island
6. Emerson, Lake & Palmer / Rondo (Emerson goes Berserk) / ELP Live / Ariola
7. Keith Emerson Band / Miles Away Pt2, Fugue / Keith Emerson Band / Edel Records
8. Keith Emerson, Glenn Hughes, Marc Bonilla / Hoedown / Boys Club, Live from California / e.a.r.-music, Edel
9. Keith Emerson / Ballad For A Common Man / Emerson Plays Emerson / EMI
10. ELP / Knife Edge (live) / High Voltage Festival 2010 / download
11. ELP /  Jerusalem / Brain Salad Surgery / Manticore

 

 

am Donnerstag 10.02.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung Samstag 12.03.16, 14-15 Uhr), Thema:

"Rattle That Lock On An Island"

David Gilmour zum 70. Geburtstag.

 Er gilt als einer der großen E-Gitarristen der Rock-Geschichte. Er ist auf jeden Fall einer der populärsten und reichsten seiner Zunft. Am 6. März wurde er 70 Jahre alt und im letzten September erschien sein 4. Soloalbum „Rattle That Lock" („Rüttel am Schloss"), das weltweit in elf Ländern an die Spitze der Charts kletterte. Sein Gitarrenspiel wird als edel, episch oder entspannt-eloquent bezeichnet. Die Beurteilung seines Gitarrenklangs reicht von opernhaft bis galaktisch.

22 Jahre nach seinem zweiten Solo-Album „About Face" von 1984 veröffentlichte der Pink Floyd-Gitarrist David Gilmour 2006 zu seinem 60. Geburtstag sein drittes Soloalbum „On An Island", mit dem er auch auf Tournee ging. Es dauerte dann weitere neun Jahre bis sein aktuelles Album „Rattle That Lock" erschien, das von spiegel-online als „luxuriöse Gediegenheit" bewertet wurde und das er ebenfalls live vorstellte - in zehn ausverkauften und bejubelten Konzerten im September 2015. Die Tour zum neuen Album wird in diesem Frühjahr fortgesetzt. Im März und April ist David Gilmour mit seiner Begleitband in Nordamerika unterwegs. Während seiner anschließenden Europa-Tournee im Juni/Juli 2016 wird er für zwei Konzerte auch nach Deutschland kommen: am 14. Juli nach Stuttgart (Schlossplatz) und am 18. Juli nach Wiesbaden (Bowling Green).

David Gilmours neues Album löst manches von dem ein, was beim letzten Pink Floyd-Album „The Endless River" von 2014, das zum Andenken an den 2008 verstorbenen Pink Floyd-Keyboarder Rick Wright entstanden war, vermisst wurde: mehr Gesang und neue Wege in Sachen Komposition und Instrumentierung, die den Floyd'schen Soundkosmos erweitern. Der balladeske, wunderschöne Klaviersong „A Boat Lies Waiting", bei dem Gilmours Lead-Gesang von David Crosby und Graham Nash unterstützt wird, steht ganz und gar in der Pink Floyd-Tradition, was die Harmonik und das gravitätische Tempo angeht. Auch in anderen Songs gibt es viel Anlass für das wohlige Gefühl der Wiedererkennung vertrauter Pink Floyd-Thematik und -Sounds. David Gilmour's Gitarrenarbeit ist wie immer exzellent, seine Stimme hat noch immer den gleichen unaufgeregten Ton und diese scheinbare Neutralität im Ausdruck wie bei so vielen Songklassikern der großen Pink Floyd-Alben.

Einen starken musikalischen Eindruck hinterlässt der Titelsong „Rattle That Lock", dessen Hauptthema, eine signalähnliche Phrase aus drei aufsteigenden Tönen von einem Jingle entlehnt ist, der Zugnachrichten der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF auf den Bahnsteigen ankündigt . Den Text schrieb, wie fast alle Songtexte des Albums, seine Frau, die Schriftstellerin Polly Samson. Inspirationen bezog sie aus dem 1667 entstandenen Gedichtzyklus „Paradise Lost" des englischen Dichters John Milton (1608-1674). Und, um den familiären Charakter der neuen Produktion zu unterstreichen, ist Gilmours Sohn Gabriel in der majestätischen Ballade "In Any Tongue" als Pianist zu hören.

Neben Ausschnitten aus den beiden letzten Solo-Alben „On An Island" und „Rattle That Lock" sind im Kramladen zum 70. Geburtstag von David Gilmour auch ein paar Reminiszenzen aus seiner Pink Floyd-Ära zu hören. 

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. David Gilmour / In Any Tongue / Rattle That Lock / Columbia
3. David Gilmour feat. David Bowie / Comfortably Numb / Remember That Night Live at The Royal Albert Hall / EMI
4. David Gilmour / Rattle That Lock / Rattle That Lock / Columbia
5. David Gilmour / A Boat Lies Waiting / Rattle That Lock / Columbia
6. David Gilmour / On An Island / On An Island / EMI
7. Pink Floyd / Louder Than Words / The Endless River / Columbia
8. David Gilmour / Today / Rattle That Lock / Columbia
9. David Gilmour / Take A Breath / On An Island / EMI

 

am Donnerstag 25.02.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung Samstag 27.02.2016, 14-15 Uhr) Teil 2

Geliebt, geschmäht, geschätzt

Phil Collins veröffentlicht zu seinem 65. Geburtstag neue Editionen seiner alten Soloalben. Teil 2.

 Erst wurde er gefeiert, dann gehasst und allmählich wird er wieder rehabilitiert und anerkannt für seine Leistung als Musiker, Sänger und Songschreiber. Der zweite Teil der Kramladen-Retrospektive „Take A Look At Me Now" versucht einen neuen Blick auf Phil Collins und seine Musik, für die er vor allem aus der jungen schwarzen Musikszene seit einiger Zeit deutlich hörbar Lob gezollt bekommt. Die Zeit scheint gekommen zu sein, jene wüsten Beschimpfungen, die Phil Collins ab den späten 80er Jahren auf sich gezogen hatte, zu hinterfragen und  sich vorurteilsfrei mit der Musik von Phil Collins zu beschäftigen.

Dazu bietet sich nun die Gelegenheit anhand der aktuellen Veröffentlichung von bekannten und nicht bekannten Aufnahmen von Phil Collins aus den 80er und 90er Jahren. Zu seinem 65. Geburtstag sind seine beiden Soloalben „Face Value" und „Both Sides" als überarbeitete Neuauflage erschienen, ergänzt durch Live-Aufnahmen und Demos - nun gefolgt von den Neu-Editionen der Soloalben „Dance Into The Light" und „Hello, I Must Be Going!" (Erscheinungsdatum 26.02.2016). Mit diesen vier Wiederveröffentlichungen startet die Werkschau „Take A Look At Me Now", eine CD-Box, die am Ende alle acht Soloalben einschließlich diverser Bonus-Tracks von Phil Collins enthalten soll. Seine Titelüberschrift der Sammler-Box „Take A Look At Me Now" ernst nehmend, tauschte Collins die Porträtfotos der Originalalben durch neu aufgenommene Fotos mit seiner aktuellen, gealterten Physiognomie aus. Und so kann man sich nun auch seine Musik von damals anhören und fragen, ob sie gealtert ist, ob sie eventuell gar als gestrig und erledigt zu betrachten ist, oder ob sie womöglich im Laufe der Zeit gereift ist, oder sogar gewonnen hat. Oder ob die Kritiker, vor allem die englischen, mit ihren Verrissen in den 90er Jahren doch recht hatten.

Im Mittelpunkt dieses zweiten Teils der Phil Collins-Retrospektive steht sein Können als Schlagzeuger und Produzent. In den 80er Jahren stand Phil Collins als Studio-Drummer und Produzent hoch im Kurs und wirkte an vielen Album-Einspielungen jener Zeit mit. Einige seiner Auftragsarbeiten z.B. für Eric Clapton, Robert Plant, Peter Gabriel, Brian Eno, John Martyn, Mike Oldfield u.a. werden in diesem Kramladen ausschnittweise zu hören sein.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label / Zeitplan
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records / 00:24
2. Phil Collins / Misunderstanding (live) / Face Value (2016) CD 2: Extra Values / Atlantic / 02:59
3. Phil Collins / Another Day In Paradise / But Seriously / Atlantic Records / 10:27
4. Brandy & Ray J / Another Day In Paradise / Urban Renewal feat. The Songs Of Phil Collins / WEA / 13:10
5. Eric Clapton / Hold On / August / Warner Bros Records / 17:36
6. Robert Plant / Messin' With The Mekon / The Principle of Moments / Es Paranca, Atlantic / 21:15
7. Peter Gabriel / Intruder / Peter Gabriel III / Charisma / 23:38
8. Brian Eno / Sky Saw / Another Green World / Island / 26:03
9. John Martyn / Glorious Fool / Glorious Fool / WEA / 28:57
10. Adam Ant / Strip / Strip / Columbia / 31:52
11. Philip Bailey & Phil Collins / Easy Lover / Chinese Wall / Columbia CBS / 34:27
12. Al DiMeola / Island Dreamer / Scenario / Columbia / 38:00
13. Mike Oldfield / Sheba / QE2 / Virgin Records / 40:09
14. Paul McCartney / Angry / Press To Play / EMI / 43:06
15. Phil Collins / ... And So To F / Face Value - Extra Value (2016) / Atlantic / 45:21
16. Phil Collins / Lorenzo / Dance Into The Light / Atlantic / 51:27
17. Lil' Kim feat. Phil Collins / In The Air Tonight / Urban Renewal feat. The Songs Of Phil Collins / WEA / 57:15

 

am Donnerstag 11.02.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung Samstag 13.02.2016, 14-15 Uhr) Teil 1

Thema:

Geliebt, verpönt, rehabilitiert - Phil Collins veröffentlicht zu seinem 65. Geburtstag neue Editionen seiner alten Soloalben. Eine Retrospektive in 2 Teilen.

Vom Artrock-Drummer zum Schlagersänger - so despektierlich kommentierten manche Kritiker die Karriere von Phil Collins, der mit dem Kunststudenten-Rock von Genesis zu Ruhm kam, durch seine Mitarbeit in der Jazzrock-Gruppe Brand X zu Renommee kam und mit seinen deutsch gesungenen Tarzan-Filmsongs 1999 in den Ruch kam, sich den Niederungen der Schlageronkels allzu sehr angenähert zu haben. Der Sinkflug des einstigen Überfliegers begann Anfang der 90er. Seine damaligen Soloalben „Both Sides" von 1993 und „Dance Into The Light" von 1996 verkauften sich zwar noch gut, blieben kommerziell aber deutlich hinter den Erwartungen zurück. Noch in den 80ern war er der erfolgreiche Hans Dampf in allen Pop-Gassen: ob bei Eric Clapton, Robert Plant, Tina Turner, Brian Eno, Mike Oldfield, Paul McCartney oder Dutzenden anderer Stars, in jeder dritten Pop-LP jener Zeit hatte er seine Produzenten-Finger oder Trommelstöcke drin. Und das alles neben TV- und Filmprojekten (als Schauspieler und Filmmusik-Komponist), neben seiner Hausband Genesis und - nicht zu vergessen - neben seiner explodierenden Solokarriere. Und alles, was er damals anfasste, schien zu Gold zu werden. Mit einem Golden Globe Award musste er sich im Jahre 2000 bescheiden, verliehen für seine Herz/Schmerz-Musik zum Disney-Film „Tarzan".

Doch unterschätzen, oder gar abschreiben durfte man den kompetenten Drummer und Songschreiber niemals. So überraschte er 1996 positiv mit einem ambitionierten Bigband-Projekt, veröffentlichte 2010 mit „Going Back" ein Soul-Album mit Coversongs aus der Motown-Ära und schrieb 2012 als Co-Autor verblüffenderweise ein Buch über die Geschichte der Texanischen Revolution von 1835 und die Schlacht von Alamo („The Alamo and Beyond: A Collector's Journey"). Eine Autobiografie soll in Bälde folgen.

Zu seinem 65. Geburtstag sind nun seine beiden Soloalben „Face Value" und „Both Sides" als überarbeitete Neuauflage erschienen, ergänzt durch Live-Aufnahmen und Demos - gefolgt von den Neu-Editionen der Soloalben „Dance Into The Light" und „Hello, I Must Be Going!". Mit diesen vier Wiederveröffentlichungen startet die Werkschau „Take A Look At Me Now", eine CD-Box, die am Ende alle acht Soloalben einschließlich diverser Bonus-Tracks von Phil Collins enthalten soll. Seine Titelüberschrift der Sammler-Box ernst nehmend, tauschte Collins die Porträtfotos der Originalalben durch neu aufgenommene Fotos mit seiner aktuellen, gealterten Physiognomie aus.

Gesundheitlich ist Phil Collins seit seiner letzten Genesis-Reunion-Tour von 2007 angeschlagen. Er leidet an Hörproblemen und vor allem an einer neurologischen Erkrankung, die ausgerechnet die Beweglichkeit seiner Hände einschränkt, was das Aus für ihn als Schlagzeuger bedeutet. Dennoch will er den selbstverordneten Rückzug aus dem Musikerleben beenden. Die Versetzung in den Ruhestand und das Grübeln über seine drei gescheiterten Ehen habe nur zu Depressionen und Alkoholabhängigkeit geführt, sagte er in einem aktuellen Interview. Künftig könnte mit dem Musiker Phil Collins wieder zu rechnen sein - zumal er nach langen Jahren Häme und Hass von Seiten vor allem der britischen Popjournaille nun plötzlich wieder als „cool" gilt. Jedenfalls wird er durch Referenzen aus der jungen schwarzen Popgarde rehabilitiert. So äußerten sich Alicia Keys und Pharell Williams außerordentlich positiv über Phil Collins; die R'n'B-Stars Kanye West und Beyoncé priesen öffentlich seine Musik; Sean „Puffy" Combs und Rap-Urgestein Ice T outeten sich als Collins-Fans und eine Top-Riege junger schwarzer Soul- und HipHop-Künstler veröffentlichte die Tribute-Compilation „Urban Renewal feat. The Songs of Phil Collins". Und auf einmal kann man lesen, dass junge hippe Sängerinnen wie Lorde und Florence (and the Machine) ihn als wichtigen Einfluss für ihre Karriere nennen und der Guardian schrieb, Phil Collins sei der „Pate moderner Popkultur". Und beinahe hätte er sogar am neuen Album von Adele mitgearbeitet.

Wem aktuell so viel Gutes widerfährt, dem sind zwei Stunden Kramladen wert. Nicht nur „Both Sides Of The Story" werden zu hören sein, sondern viele verschiedene Seiten der Geschichte des inzwischen 65-jährigen Musikers. Nach Teil 1 der Phil Collins-Retrospektive im Kramladen am 11. Februar folgt Teil 2 vierzehn Tage später am 25. Februar.

Kurzinhalt Teil 1: In seiner langfristig angelegten Retrospektive veröffentlichte Phil Collins Ende Januar zunächst seine Soloalben „Face Value" und „Both Sides" als neue Editionen mit diversen Bonustiteln. Einiges davon ist in dieser Kramladen-Ausgabe zu hören.

Playlist Teil 1: Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Phil Collins / We Wait And We Wonder / Both Sides (Remaster 2016) / Atlantic
3. Phil Collins / We Wait And We Wonder (live) / Both Sides (Extra Sides) / Atlantic
4. Phil Collins / Take Me With You / Both Sides (Extra Sides) / Atlantic
5. Phil Collins / I Missed Again (live) / Face Value (2016) Extra Values / Atlantic
6. Genesis / Behind The Lines / Duke / Charisma Records
7. Phil Collins / Behind The Lines / Face Value (2016) / Atlantic
8. Phil Collins Big Band / That's All / Phil Collins Big Band live in Montreux 1996 / Atlantic
9. Phil Collins Big Band / Sussudio / A Hot Night In Paris / Atlantic
10. Prince / 1999 / 1999 / Warner Bros
11. Phil Collins / Sussudio / No Jacket Required / WEA
12. Phil Collins / ... And So To F (live) / Face Value (2016) Extra Values / Atlantic

am Donnerstag 28.01.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung am Samstag 30.01.2016, 14-15 Uhr), Thema:

Einsame Popikone, Verwandlungskünstler und ewiges Rätsel - oder:

Nachrichten aus einem schillernden Musikuniversum

- zum Tode von David Bowie Teil 2 

Im zweiten Teil der Bowie-Hommage geht es um seine scheinbar rätselhafte Persönlichkeit, seine Neigung zum Außerirdischen, seine Aktivitäten als Schauspieler und Maler, die Vermarktung seiner Musik in der Werbebranche, seine Eigenarten als Texter und Songschreiber, sein Verhältnis zum Außenseitertum und Mainstream - und letztlich um die Faszination des Phänomens David Bowie: ein Gesamtkunstwerk bis in den Tod und darüber hinaus.

Bowie wird vornehmlich als Performer, Stil-Ikone und Chamäleon verstanden und gewürdigt - wobei die Bowie-Kenner beim Begriff „Chamäleon" sofort aufschreien, schließlich habe sich Bowie niemals wie ein Chamäleon seiner Umgebung angepasst, sondern hat ganz im Gegenteil selbst Maßstäbe gesetzt. Doch David Bowie war mehr als nur einer der größten Performer der Popgeschichte, mehr als nur Stilist und Verwandlungskünstler. Er war ein risikofreudiger musikalischer Innovator, ein herausragender Gestalter von künstlerisch ambitionierten Videos, er war ein großartiger Songschreiber, ein Sänger mit Heldentenor-Pathos und enorm wandlungsfähiger Drei-Oktaven-Stimme, daneben auch Schauspieler, Maler, Designer, außerdem ein Geschäftsmann, der im Popbusiness neue Wege ging. Er war Kunstsammler, Synästhetiker, ein komplexer, nicht immer leicht dechiffrierbarer Erzähler, ein Wanderer zwischen den Welten. Er umgab sich selbst mit der Aura eines kühlen, distanzierten Stars, eines genialen, avantgardistischen Künstlers, der nicht so ganz von dieser Welt zu sein schien, der jedenfalls nicht mit herkömmlichen Popkategorien zu fassen ist - und nicht zuletzt: er hatte Humor. Von all dem handelt Teil 2 der David Bowie Hommage im Kramladen. Das Musikprogramm beinhaltet vorwiegend unbekanntere, außergewöhnliche Bowie-Songs.

Für einen der beeindruckendsten Songs seines Abschiedsalbums „Blackstar" wählte er den Titel „Lazarus", die biblische Gestalt, die aus dem Totenreich wieder auferstand. Im Album „Hours" sang Bowie: „I will survive". So ist es. So wird es bleiben.

Playlist: Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. David Bowie / Survive / Hours / Virgin
3. David Bowie / When The Wind Blows / Best Of Bowie / EMI
4. David Bowie / I Took A Trip On A Gemini Spaceship / Heathen / Columbia
5. David Bowie / Outside / 1. Outside / BMG Arista
6. David Bowie / Segue - Nathan Adler Part 1 / 1. Outside / BMG Arista
7. David Bowie / Rebel Rebel / VH1 Storytellers / EMI
8. David Bowie / Rebel Rebel / Diamond Dogs / RCA
9. David Bowie / Ashes To Ashes / Scary Monsters / EMI
10. David Bowie / Baal's Hymn / David Bowie in Bertold Brecht's BAAL / RCA
11. David Bowie & Iggy Pop / Dancing With The Big Boys / Tonight / EMI
12. David Bowie / Never Get Old / Reality / Columbia
13. David Bowie / I Can't Give Everything Away / Blackstar / SONY Music

 

am Donnerstag 14.01.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung am Samstag 16.01.2016, 14-15 Uhr), Thema:

„I Took A Trip On A Gemini Spacecraft" - zum Tode von David Bowie - Teil 1

Der Mann, der einst vom Himmel fiel, ist nun in den Pop-Olymp aufgestiegen. Viele Bowie-Bewunderer hielten es zunächst für einen schlechten Scherz, als die Meldung am 10. Januar, zwei Tage nach Bowies 69. Geburtstag verbreitet wurde, David Bowie sei überraschend gestorben - schließlich galt der Genius Bowie als unsterblich. Niemand ahnte, dass Bowie an Krebs erkrankt war. Nichts wurde öffentlich gemacht, dass bereits vor 18 Monaten Leberkrebs bei Bowie diagnostiziert worden war. Sein langjähriger Intimus und Produzent Tony Visconti hatte kürzlich noch zur Ankündigung des letzten Bowie-Albums „Blackstar" geschrieben, Bowie ginge es gut. Jetzt teilte Visconti auf seiner Facebook-Seite mit, dass Bowie sein Album „Blackstar" bewusst als Abschied konzipiert habe und als sein letztes Geschenk an die Welt zu verstehen sei. Visconti: „Sein Tod war nichts anderes als sein Leben - ein Kunstwerk".
Das „Chamäleon des Rock", wie er noch in den siebziger Jahren tituliert wurde, wandelte sich im Laufe der Zeit zum Konzernchef eines börsennotierten Unternehmens. Die Kunstfiguren und Alter Egos aus alten Tagen von Major Tom über Ziggy Stardust und den „Mann, der vom Himmel fiel" bis zum „Thin White Duke", sie verschwanden allesamt in der Asservatenkammer des Bowie-Museums. Die früheren Rollenspiele waren Geschichte. Der Ich-Erzähler in den Songs seiner letzten Alben „Hours" (1999), „Heathen" (2002), „Reality" (2003) und „The Next Day" (2013) hatte mit der realen Person David Bowie sehr viel mehr zu tun als in früheren Zeiten. Berühmt wurde David Bowie nicht nur als musikalischer Verwandlungskünstler und Kultfigur der Postmoderne, sondern auch als Pionier technologischer Innovation. Er entwarf z.B. ein innovatives Computerspiel, präsentierte sein beispielloses BowieNet mit eigenem Radio-Programm, ging 1997 als erster Popstar an die Börse, brachte die ersten Musikanleihen der Popmusik an die Wall Street und schrieb im September 2003 einmal mehr Musik- und Technologie-Geschichte mit einem Livekonzert zur Veröffentlichung seines Albums „Reality", das zeitgleich via Satellit weltweit übertragen wurde. Am 7. Dezember 2015 fand im New York City Theater die Premiere seines Musicals „Lazarus" statt.
Am 08.01.1947 wurde David Robert Heyward-Jones, wie Bowie mit bürgerlichem Namen heißt, im Londoner Stadtteil Brixton geboren. „And I'm never ever gonna get old", sang David Bowie nicht ohne Ironie in einem Song seines Albums „Reality". Eine ernsthafte Herzerkrankung, die ihn im Sommer 2004 zwang, eine Tournee abzubrechen, machte deutlich, dass es nur der Mythos Bowie ist, der scheinbar niemals altert. 2006 erfreute sich David Bowie in England seit langem mal wieder eines Top Twenty-Hits. Gemeinsam mit David Gilmour sang er den Pink Floyd-Songklassiker „Arnold Layne", zu Ehren des verschrobenen Genius Syd Barrett, der im Juli 2006 im Alter von 60 Jahren gestorben war.
„Schaue nach oben, ich bin im Himmel", so heißt es im Text des Bowie-Songs „Lazarus", dessen Video am Tag seines 69. Geburtstages veröffentlicht wurde. So hatte es Bowie selbst geplant. „Im Video dazu liegt Bowie in einem Krankenhausbett, am Ende verschwindet er in einen dunklen Schrank. Der Titel ‚Lazarus' bezieht sich auf die biblische Figur, die vier Tage nach ihrem Tod durch Jesus wiedererweckt wurde." (dpa) Der dramatische Schlusssong seines dunklen, großartigen Abschiedsalbums trägt die Titelüberschrift: „I Can't Give Everything Away". Auch wenn er nicht alles preisgeben konnte (und wollte), er hat uns so viel gegeben.

Kein Künstler hat den Pop über nahezu fünf Jahrzehnte so bereichert, niemand ging so radikal den Weg des kreativen Wandels wie David Bowie - meist allen anderen voraus. Während seine Weggefährten reihenweise der Versuchung erlagen, es sich im Geschaffenen bequem zu machen, blieb Bowie unkalkulierbar." (Frank Schätzing, der David Bowie 2009 in seinem Bestseller „Limit" zu einer Romanfigur machte)

Playlist: Artist / Track / Album / Label / Zeitplan
1. L. Shankar /Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records / 00:34
2. David Bowie / Dollar Days / Blackstar / Sony Music / 04:24
3. David Bowie / Lazarus / Blackstar / Sony Music / 11:24
4. David Bowie / Where Are We Now / The Next Day / Sony Music / 20:36
5. David Bowie / China Girl / VH1 Storytellers / EMI / 27:29
6. David Bowie / Let's Dance / Best Of Bowie / EMI / 35:47
7. David Bowie / Fall Dog Bombs The Moon / Reality / Columbia / 38:24
8. David Bowie / 5:15 The Angels Have Gone / Heathen / Columbia 45:42
9. David Bowie / Girl Loves Me / Blackstar / Sony Music / 55:14

verschoben: Wind Of Change - Der Soundtrack zum Mauerfall - Teil 2

Vor 25 Jahren (genau am 3. Februar 1991) erschien die berühmteste Single der Scorpions „Wind Of Change", die allgemein als die „Hymne der Wende" gilt.  Welchen Anteil am Fall der Mauer hatte die Rockmusik? Schwierige Frage. Mit Sicherheit lässt sich sagen: den Soundtrack zum Mauerfall lieferten Musiker aus Ost und West. Im 1. Teil zum Thema (in ByteFM gesendet am 24.11.2014) beschäftigte sich der Kramladen mit der DDR-Musikszene, die mit mehr oder minder unterschwellig kritischen Liedern ihren Anteil am Untergang der DDR hatte. Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Scorpions-Hymne „Wind Of Change" geht es nun in Teil 2 um den Anteil der Musikszene des Westens am Soundtrack zum Mauerfall.

Im entscheidenden Jahr 1988, in dem die Weichen für den Umbruch in der DDR unwiderruflich gestellt wurden, fand eine Art „Kalter Krieg der Rockkonzerte" auf beiden Seiten der Mauer statt. Michael Jackson und Pink Floyd auf der Westseite der Mauer, Depeche Mode und Bruce Springsteen auf der Ostseite. In Westberlin hatte die Serie der so genannten „Mauerkonzerte" schon an Pfingsten 1987 begonnen -  mit Auftritten unter dem Motto „Musik überwindet die Mauer" von David Bowie, Genesis und den Eurythmics vor dem Reichstagsgebäude, also in direkter Hörweite von Ostberliner Fans. David Bowie verlas die Grußbotschaft auf deutsch: „Wir schicken unsere besten Wünsche zu unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind." Obwohl Polizeiketten und Grenzschützer der DDR den Zugang zur Ostseite der Mauer weiträumig abgesperrt hatten, versuchten etwa 1000 Ostberliner Rockfans näher an die Mauer heranzukommen, um die berühmten West-Stars zu hören. Es kam zu Ausschreitungen und Verhaftungen - und eine ungeheuerliche Parole aus den Mündern der DDR-Rockfans war bis nach Westberlin zu hören: „Die Mauer muss weg".

Im zweiten Teil zum Kramladen-Thema „Der Soundtrack zum Mauerfall" sind westliche Pop/Rock-Stars zu hören, die eine Rolle zur Zeit der Wende gespielt haben, z.B. Bruce Springsteen, David Bowie, Genesis, Pink Floyd, Udo Lindenberg, Rio Reiser, Peter Maffay, Scorpions u.a..